Archiv der Kategorie: Träume

Der Weg nach Woanders

„Der Weg nach Woanders führt durch den endlosen Ring“, erklärte der Wicht in den grünen Hosen und dem gefiederten Wams. „Aber du könntest auch über die Jammerbrücke gehen, das ist eine Abkürzung, allerdings eine gefährliche. Du kannst da leicht im Nirgendwo landen.“

„Ich will sicher nach Woanders gelangen“, entgegnete ich. „Mein Bedarf an Irrträumen ist gedeckt. Kannst du mich zum endlosen Ring führen?“

„Wieso möchtest du überhaupt nach Woanders? Gefällt es dir hier nicht?“

„Doch, doch, ich liebe die Wurzelhäuser und den Klang der Glasnadeln im Wind, aber ich muss nach Woanders.“

„Niemand muss müssen, schon gar nicht nach Woanders.“ Er drehte sich um und rief in Richtung Theke: „Noch drei Bier, bitteschön – vom stark riechenden.“ Der Wirt nickte mit dem Kopf.

„Wieso drei?“, fragte ich verwundert.

„Wieso nicht vier, fünf oder ein Dutzend?“, fragte der Wicht im Federwams zurück. „Doch kommen wir zur Sache. Du bist dir hoffentlich bewusst, dass Woanders drüben liegt?“

„Drüben auf der anderen Seite, ja, ich weiß. Normalerweise gelangt man nur dorthin, wenn man gestorben ist.“

„Gestorben ja, im Traum nicht. Du bist ein Träumer, möchtest du sterben?“

„Nicht wenn es sich vermeiden lässt.“

„Ich sehe, du bist entschlossen, auch wenn mir die Gründe für deine Hartnäckigkeit verborgen bleiben.“

Der Wirt brachte drei Gläser und stellte sie auf den Tisch. Sie waren leer.

„Wo ist das Bier?“, wollte der Wicht wissen und machte ein saures Gesicht.

„Es wird nachgeliefert, sobald du deine Schulden beglichen hast.“

„Schon gut“, mischte ich mich ein, „das Bier geht auf meine Rechnung.“

„Mit was wollen Sie denn bezahlen“, fragte der Wirt und kniff die Augen zusammen als er mich musterte.

„Mit Traumsalz“, sagte ich. Es war mir gerade in den Sinn gekommen, als hätte es mir jemand eingeflüstert. Ich hatte noch nie von Traumsalz gehört.

„In Ordnung.“ Er wischte mit der flachen Hand rasch über die Gläser und sie füllten sich wie unter dem Zapfhahn. Ich staunte.

„Es gibt kein Traumsalz“, raunte mir der Wicht zu, als der Wirt zur Theke zurück kehrte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht nicht hier, aber Woanders.“

„Ich sehe, du weißt Bescheid. Trotzdem muss ich dich warnen. Woanders ist nicht Irgendwo.

„Das weiß ich, ich war schon in Irgendwo.“

Als wir vor dem endlosen Ring standen, wurde mir doch ein wenig flau im Magen. Meine gespielte Selbstsicherheit half auch nicht mehr. Der Ring mit dem Durchmesser von zehn Wagenrädern stand mitten im Wald. In seinem Innern war es dunkel wie in einem Kuhmagen. „Dort müssen wir rein?“

„Nicht wir, du musst dort rein, wenn du nach Woanders willst.“ Der Wicht grinste.

„Und dann komm ich auf der anderen Seite in Woanders raus?“

„Ja, das heißt, vermutlich.“

„Was?“ rief ich. „Du weißt es nicht mit Sicherheit?“

„Wie auch, ich bin diesen Weg noch nie gegangen.“

Ich schluckte leer. „Wie bist du dann nach Woanders gekommen?“

„Ich war noch nie in Woanders. Dort würde ich nie hingehen.“

„Wie weißt du denn, dass der Weg durch diesen Ring führt?“

„Es wird gesagt, dass…“

„…also vom Hörensagen. Ist überhaupt schon mal jemand durch diesen verdammten Ring gegangen?“

„Ja, natürlich. Gerade vor zwei Monden hat eine kleine Frau diesen Weg genommen. Sie sagte, es sei bloß ein Spiel und lachte dabei. Vermutlich hat sie den Ring gar nicht richtig gesehen, sie hatte eine Brille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden.“

„Ist sie zurück gekommen?“

„Bisher nicht. Aber das ist nicht weiter verwunderlich. Durch den Ring kam noch niemand zurück.“

„Was?“, schrie ich. „Aus Woanders ist noch nie jemand zurück gekommen?“

„Mindestens nicht durch den Ring. Darum heißt er auch der endlose Ring.“

„Weil man darin endlos unterwegs ist?“

Der Wicht zuckte bloß die Schultern.

Als ich den endlosen Ring entgegen meinen Bedenken betrat, erwartete ich, dass mich die Dunkelheit verschlucken würde. Doch kaum hatte ich einen Schritt getan, verließ ich den Ring schon wieder auf der anderen Seite. Das heißt, ich glaubte, auf der anderen Seite zu sein. Ich stand in einer riesigen Halle mit blauen Säulen und einem blauen Himmel. Mitten drin saß ein dunkel gekleideter Mann an einem weiß gedeckten Tisch und aß ein Hähnchen.

„Willkommen in der Zwischenstation“, sagte der Mann zwischen zwei Bissen. „Setzen Sie sich, Sie haben Zeit.“

„Ich träume“, murmelte ich zu mir selbst.

„Ja, das sagen sie alle. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir Ihre Geschichte.“ Er deutete an das andere Ende der langen Tafel. Dort war der Tisch gedeckt. Ob ich auch ein Hähnchen bekam?

„Ich möchte nach Woanders“, sagte ich, als ich mich gesetzt hatte.

Der Mann winkte mit einem Knochen. Sein kurz geschorener Bart glänzte vor Fett. „Ja, natürlich. Doch Woanders ist zurzeit besetzt, Sie müssen warten.“

Er will mich wohl auf den Arm nehmen, fuhr es mir durch den Kopf. Woanders war ein großes, ja unendlich großes Land. Da war ich mir sicher.

„Ist hier nicht kürzlich eine kleine Frau durchgekommen, mit einer dicken Brille“, wollte ich wissen.

„Nein, aber wir sind auch nicht die einzige Zwischenstation, müssen Sie wissen. Es gibt Tausende.

„Tausende?“, ich staunte. „Sind diese Zwischenstationen so etwas wie Wartesäle?“

„Wartesäle!“ Der Mann prustete vor Lachen. Beinahe hätte er sich verschluckt. Rasch griff er nach einem gläsernen Kelch mit Wasser.

Ich war irritiert. „Wie lange muss ich denn warten, bis ich nach Woanders gehen kann?“

„Ein Leben, zwei Leben, ein Dutzend Leben. Das kommt drauf an. Aber möchten Sie jetzt nicht etwas essen?“

„Danke, ich bin nicht hungrig. Auf was kommt es denn an, wie lange man warten muss?“

„So lange, bis drüben Ihr Platz frei wird. Woanders ist gefragt in diesen Zeiten. Jeder will dorthin.“

Hatte ich mich verhört, oder hatte er tatsächlich von „meinem Platz drüben“ gesprochen?

„Habe ich denn in Woanders einen Platz und wer hält ihn an meiner Stelle besetzt?

„Natürlich haben Sie einen Platz in Woanders. Jeder hat dort drüben einen Platz. Aber zurzeit ist Ihr Platz von einem ihrer Doppelgänger besetzt. Sie müssen warten.“

„Ich habe einen Doppelgänger?“

„Nicht nur einen, tausende.“

„Aber um Himmelswillen, wo kommen die denn alle her?“

„Aus allen möglichen Zeiten und von allen möglichen Orten.“

„Und wann räumt der Doppelgänger, der jetzt in Woanders ist, meinen Platz?“

„Wenn er Sie ist und Sie er.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Das wird noch, machen Sie sich keine Sorgen. Aber jetzt sollten Sie unbedingt etwas essen. Die Zeit ist lang hier.“ Er klatschte in die Hände und rief, den Blick auf den Hallenhimmel gerichtet: „Ein Hähnchen für unseren Gast. Und etwas Traumsalz dazu.“

Träume muss man nicht immer verstehen, es reicht, wenn man sie begreift. Euer Traumperlentaucher.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne

Gott beschütze meine Bank, lang lebe die UBS.

Jetzt wird wieder auf der UBS rumgehackt, nur weil mal zwei Milliarden in den Sand gesetzt wurden. Das ist doch bloß ein kleiner Arbeitsunfall. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das passiert in anderen Branchen auch. Dem Bäcker brennt auch mal das Brot ab und dem Schmied kann auch der Amboss auf den Fuß fallen. Die Bank arbeitet nicht mit Brot und Hammer, sondern mit Milliarden. Da fällt halt auch ab und zu eine runter.

Das gemeine Volk hat doch keine Ahnung vom Bankgeschäft. Dabei ist gerade das Investmentbanking von strategischer Bedeutung für die Volkswirtschaft und viel wichtiger als Brötchen backen oder Häuser bauen. Darum werden in diesem Geschäft auch nur die Besten der Besten eingestellt. Richtige Wracks Cracks eben. Und die kommen nur, wenn’s kräftig Bonus gibt.

Keine Branche war in den letzten Jahren so produktiv wie die Banken. Immer neue Finanzprodukte wurden auf den Markt gebracht. Das kurbelt die Wirtschaft an und schafft Arbeitsplätze. Darum ist es auch nur gerecht, wenn die Banken in kritischen Phasen durch den Staat gestützt werden; schließlich bezahlen sie auch Steuern.

Immer wieder wird von Casino geredet. Typisch Stammtisch. Was wissen schon Metzger, Bäcker, Frisöre und Camionöre, die haben doch noch nie einen Bonus gesehen. Dabei hat Banking rein gar nichts mit einem Casino zu tun. Das Investmentbanking beruht auf mathematischen Grundlagen und ausgefeilten Computerprogrammen. Im Casino dagegen läuft’s nur nach Bauchgefühl.

Und überhaupt: 2 Milliarden sind Peanuts gegenüber den Summen, welche die Politiker zurzeit in Europa versenken. Gott sei Dank gibt es noch die Banken, die helfend einspringen, sonst wären die Griechen schon längst pleite.

Es ist alles nur eine Frage des Standpunktes. Euer Traumperlentaucher.

Der Weckvogel

Der Vogel neigte den Kopf zur Seite und sah mich schräg an. Seine Augen blickten klug und hatten fast etwas Menschliches.

„Du und ich, wir haben im Lotto gewonnen. Genauso wie alle andern Leute.“

Ich schaute ihn erschreckt an. Nicht dass ich irritiert gewesen wäre wegen des Vogels. In Träumen konnten auch Steine oder Büsche sprechen. Auch nicht, dass er in Rätseln sprach, auch das war normal in der Welt der Träume. Nein, es war die Art und Weise wie er mich musterte. Je länger ich ihm in die Augen sah, desto mehr glaubte ich, darin das Spiegelbild der Wirklichkeit zu sehen – Szenen aus meiner Realität. Kam der Vogel gar von drüben? Ich meine natürlich nicht die Wirklichkeit – irgendeine Wirklichkeit. Ich meine mit „drüben“ die Welt hinter den Träumen, den großen Traum, aus dem noch nie jemand zurückgekehrt ist. All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich ihn fragte:

„In welchem Lotto haben wir den gespielt, du und ich und all die anderen?“

„Im großen Sternenlotto, bei dem Gott die Zahlen zieht.“

„Da muss er aber eine ganz große Zahl gezogen haben“, scherzte ich.

Der Vogel blinzelte und meinte: „Unendlich, um genau zu sein.“

Dass „unendlich“ nicht genau war, wusste ich, aber es störte mich ebenso wenig wie der Umstand, dass sich der Vogel zu „den Leuten“ zählte. Ich wusste, was er sagen wollte. Die Wahrscheinlichkeit unserer Existenz strebte gegen unendlich klein, wenn man alle Faktoren berücksichtigte und beim Urknall oder noch weiter „vorn“ begann. Doch wieso kam hier in meinem Lieblingstraum ein Vogel geflogen und erzählte mir dies?

Ich winkte ab. „Vogel, was willst du in Wirklichkeit von mir?“

„In der Wirklichkeit will ich nichts von dir, nur im Traum. Ich möchte, dass du endlich aufwachst.“

„Kein Problem“, antwortete ich, „wenn ich ausgeschlafen habe, geschieht dies automatisch.“

„Das meine ich nicht. Ich möchte, dass du wirklich aufwachst. Es ist höchste Zeit.“

Als ich dann aufwachte – wohl nicht im Sinne des Vogels – blieb ein Gefühl von Dringlichkeit. Es lässt mich Grübeln. Euer Traumperlentaucher.

Die Gratwanderung

“When one door of happiness closes, another opens, but often we look so long at the closed door that we do not see the one that has been opened for us.” ~ Helen Keller

Meine zweite Traumbegegnung mit Maria fand auf einem schmalen Steg statt, der über einen dunkelblauen Abgrund führte. Der Steg war so schmal, dass sich zwei Menschen unmöglich kreuzen konnten, ohne dass der eine oder gar beide in den Abgrund stürzten. Mir war sofort klar, einer von uns musste umkehren, entweder Maria oder ich. Als wir einander auf dem schmalen Steg, mitten über dem bodenlosen blauen Abgrund gegenüberstanden, sah ich in ihren Augen, dass sie nicht umkehren würde. Doch anstatt mich zur Umkehr aufzufordern, förderte sie einen Brief aus der Tasche ihrer Jeans und überreichte ihn mir. Ein brauner, abgegriffener Umschlag, in einer unleserlichen Handschrift adressiert.

„Er ist für dich, Charlie hat ihn mir gegeben“, erklärte sie. Ihre Stimme klang sanfter als bei unserer letzten Begegnung. Ob die Abzweigung, die ihrer Charlie prophezeit hatte, schon hinter ihr lag?

„Danke. Soll ich ihn gleich lesen, oder versuchen wir zuerst, aneinander vorbei zu kommen?“

„Wir kommen hier nicht aneinander vorbei, ohne in den Abgrund zu stürzen.“

„Wir könnten es ja versuchen. Passieren kann uns nichts. Wenn wir stürzen, wachen wir in der Wirklichkeit auf.“

„Ich habe keine Wirklichkeit, in der ich aufwachen könnte.“

„Vielleicht schaffen wir es, wenn ich mich hinlege und du über mich hinweg krabbelst.“

„Wir sollten uns nicht zu nahe kommen, deine Wirklichkeit könnte sich verändern. Es gibt keine andere Möglichkeit: du musst umkehren.“

Ich hatte es geahnt. Doch was würde geschehen, wenn ich mich weigerte, wenn ich einfach stur stehen bleibe würde? Würden wir beide hier auf dem schmalen Steg stehen, bis ich aufwachen würde? „Der Klügere gibt nach“, flüsterte eine Stimme in mir. Eine andere antwortete: „Du hast schon so oft in deinem Leben nachgegeben, es ist Zeit standhaft zu bleiben.“ Und eine dritte Stimme sagte: „Es gibt mehr als nur zwei Möglichkeiten. Gehe den dritten Weg.“

Den dritten Weg? Hier gab es doch nur ein Vorwärts und ein Zurück.

„Stoße sie in den Abgrund und der Weg ist frei!“, flüsterte die dritte Stimme in mir. Ich erschrak. Waren das meine Gedanken? Dachte ich wirklich daran, jemandem Schaden zuzufügen um einen eigenen Vorteil zu erlangen?

Gewiss, jeder Mensch trägt sowohl das Gute als auch das Böse in sich. Schmal ist der Grat auf dem wir wandern und manchmal braucht es nur einen dunklen Gedanken um sich für die falsche Seite zu entscheiden.

Doch dann hatte ich die erlösende Idee.

„Gehe deinen Weg, Maria. Ich danke dir.“ Dann stürzte ich mich vom Steg, Charlies Brief fest an mich gepresst. Der Sturz war langsamer, als ich erwartet hatte, er verlief fast in Zeitlupe.

„Danke für was?“ rief sie mir nach.

„Dafür, dass du mir den dritten Weg gezeigt hast“, murmelte ich und wachte auf.

Ich bin Maria nie wieder begegnet. Euer Traumperlentaucher

“The future belongs to those who believe in the beauty of their dreams.” ~ Eleanor Roosevelt

Charlie

Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, war sie gerade auf der Suche nach einem neuen Leben. Sie sah, ich kann es nicht anders sagen, erbärmlich aus. Die Haare wirr, das Gesicht verweint, die Schminke wie ein Indianer auf dem Kriegspfad. Die Jeans hatten das Verfalldatum längst überschritten und ihr brauner Pullover war zerlöchert wie ein Emmentaler. Sie war barfuß.

Ich traf sie in der alten Fabrik, ganz hinten, dort wo Charlie sein „Büro“ hatte.

„Fahr zur Hölle“, begrüßte sie mich.

„Kennen wir uns?“, fragte ich zurück.

„Nein, und ich will dich auch nicht kennen lernen.“

„Dann steckst du bist zum Hals in Schwierigkeiten”, vermutete ich.

„Verpiss dich, du hast hier nichts zu suchen.“ In ihrer Rechten blitzte plötzlich ein Messer. Ich war amüsiert.

„Das funktioniert hier nicht. Im Traum kannst du mich damit nicht beeindrucken.“

Für einen Augenblick war ihr Blick fassungslos. Dann wurden ihre Augen schwarz wie die Nacht. Ich dachte unwillkürlich an ein Chamäleon.

„Wir sind hier nicht im Traum, dies ist verdammte Wirklichkeit“, fauchte sie.

Ich erschrak. Wenn sie Recht hatte, musste ich hier verschwinden. Doch wo war ich überhaupt? Und wie war ich hierher gekommen, wenn nicht im Traum. Doch halt! Die alte Fabrik war mir wohlbekannt und Charlies Büro auch. Beide existierten nur in meiner Traumwelt. Trotzdem trat ich einen Schritt zurück.

„Möchtest du ein Bonbon?“, fragte ich. Ein altbekannter Trick um Menschen abzulenken.

„Steck dir dein Bonbon dorthin wo die Sonne nie scheint.“ Der Trick hatte nicht funktioniert.

„Kann ich dir helfen“, versuchte ich es auf eine andere Tour. „Du willst sicher auch zu Charlie.“

Sie horchte auf. „Charlie? Ist er hier?“

„Ja, natürlich. Er hat sein Büro dort hinten.“ Ich zeigte auf eine Treppe in der linken Ecke.

„Zeig mir den Weg“, fauchte sie. Dabei war die Treppe nicht zu übersehen. Vielleicht war sie blind? Ich blickte in ihre nachtschwarzen Augen. Oder befand sie sich auf einer anderen Ebene? Eine ohne Fabrikhalle und ohne Treppe.

„Was willst du denn von Charlie?“, fragte ich.

„Ein neues Leben. Verdammt noch mal, ich brauche ein neues Leben, meines ist vertan.“

„Charlie ist ein Traumhändler. Er kann dir höchstens einen neuen Traum beschaffen. Leben musst du schon selbst.“

„Mach schon, zeig mir den Weg“, schrie sie mich an und fuchtelte mit dem Messer. Ich machte mich auf zur Treppe, aber nicht, ohne mich dauernd nach ihr umzudrehen. Wer möchte schon ein Messer im Rücken, auch wenn’s nur im Traum ist. Die Treppe hatte keine zwei Dutzend Stufen und trotzdem schien sie mir so lang wie ein Himmelleiter.

„Die führt ja in die Ewigkeit“, murmelte ich.

„Es gibt keine Ewigkeit, nirgendwo.“ Charlie stand vor mir und reichte mir die Hand.

„Das ist ja noch ein Kind“, sagte die Frau hinter mir. Natürlich hatte sie recht. Aber nur was das Äußere betraf. Charlie sah aus wie einer meiner alten Schulkameraden aus der achten Klasse. Es musste die Achte sein, denn eine Neunte hatte ich nie gemacht. Aber Charlie war uralt, trotz seinem jugendlichen Körper. Vielleicht war er sogar älter als alle Menschenträume.

„Guten Abend Maria. Wie kann ich dir helfen?“

Maria. So hieß also das aggressive Weibsbild. Dass Charlie ihren Namen kannte, verwunderte mich nicht. Er wusste alles, und ich war überzeugt, dass er auch den Grund ihres Besuchs kannte. Aber er wollte ihn wohl aus ihrem Mund hören.

„Ich brauche ein neues Leben. Mein altes ist futsch.“

„Was ich dir geben kann, ist ein neuer Traum.“

„Was nützt mir das, damit ist keines meiner Probleme gelöst.“

„Deine Probleme kannst du nicht mehr lösen, du musst sie hinter dir lassen. Doch wenn du deinem neuen Traum folgst, wirst du auf deinem Pfad bald auf eine Abzweigung treffen. Wähle die richtige Seite.“

„Wie soll ich wissen, welches die richtige Seite ist? Und überhaupt, wo ist denn dieser Pfad. Hier ist nichts als trostloser Nebel und Finsternis.“

Charlie lächelte und zeigte in die Richtung, in der sein „Büro“ lag. Dort, siehst du das Licht?“

Die Augen der Frau, die Maria hieß, begannen zu glänzen. Wie in Trance schritt sie den Korridor entlang und entfernte sich ohne Abschied von uns.

„Wird sie den richtigen Weg wählen“, fragte ich meinen ehemaligen Schulkameraden, der in Wirklichkeit schon lange verstorben war.

„Das kommt darauf an. Wenn sie auf ihre innere Stimme hört, wird sie richtig entscheiden, wenn nicht, stehen die Chancen 50 zu 50, und wenn sie auf die Falschen hört, wird sie mit Sicherheit in den Abgrund der Zeit stürzen.“

„Bis in alle Ewigkeit?“, fragte ich entsetzt.

Charlie lächelte milde. Es gibt keine Ewigkeit, nirgendwo.

Genießt die Zeit. Euer Traumperlentaucher

Der Baum-Astronom

Ich hatte noch nie ein solches Fernrohr gesehen. Es bestand nicht nur aus einem Rohr, sondern aus einem ganzen Bündel, jedes so dick wie ein Ofenrohr. An seinem hinteren Ende waren die Rohre durch Schläuche aus einem blau schimmernden Material verbunden, eine komplizierte Mechanik aus Stangen und Rädern diente vermutlich zur Einstellung des seltsamen Instruments. Das Rohrbündel ragte durch eine sternförmige Öffnung hinaus in die Dunkelheit.

Ein Mann, so dürr wie ein Skelett, justierte im Schein einer Kerze das Räderwerk. Mal drehte er hier, mal drehte er dort.

„Jetzt haben wir ihn gleich“, rief er mit einer Stimme, die wie Schmirgelpapier klang.

Ich hatte keine Ahnung, von was er sprach. Auch hatte ich ihn noch nie gesehen, überhaupt hatte es mich noch nie an diesen seltsamen Ort verschlagen.

„Ah, jetzt sehe ich ihn. Es ist ein Riesenexemplar.“

„Ein Stern?“, fragte ich, und wusste gleich, dass es die falsche Frage war.

Der Dürre sah mich befremdet an, doch dann wandte er sich wieder seiner Maschinerie zu.

„Natürlich nicht. Dort draußen gibt es schon lange keine Sterne mehr. Die Entropie hat sie alle hinweggerafft. Es ist ein Baum.“

„Ein Baum im All?“ entgegnete ich ungläubig und fragte mich, wie er wohl dorthin gekommen war. Durch das Glas der Kuppel war von Auge nichts zu sehen. Draußen herrschte abgrundtiefe Finsternis.

Der Dürre sah mich mit einem seltsamen Ausdruck in seinen bernsteinfarbigen Augen an: „Du bist nicht von hier?“

„Nein ich komme von drüben“, sagte ich unbestimmt.

„Aber du denkst?“

„Ja natürlich. Auf jeden Fall denke ich, dass ich denke. Sonst könnte ich ja nicht mit dir sprechen.“

„Die meisten können sprechen ohne zu denken“, sagte er und schnalzte mit der Zunge. Dann fügte er an: „Von denen da drüben.“

„Manche denken eben unbewusst. Das ist normal. Nur die Protagonisten in Büchern denken, als würden sie mit sich selbst sprechen.“

Der Dürre schnalzte wieder mit der Zunge: „Er kommt hierher.“

„Wer? Der Baum? Und überhaupt: Wieso treibt er denn wurzellos durch den leeren Raum? Bäume sind doch in der Regel fest verankert.“

„Legenden, nichts als Legenden. Bäume sind schon immer durch den Raum gezogen. Auch als es noch Sterne gab. Aber ihr da drüben, ihr wisst halt nichts. Ihr glaubt bloß zu wissen. Darum seht ihr die Bäume verankert und erkennt nicht, dass sie in Wirklichkeit fliegen.“

„Was wir wissen, ist nicht wenig”, protestierte ich. Zum Beispiel weiß ich, dass ich träume. Sonst wäre ich nämlich nicht hier.“

Er schnalzte gleich dreimal mit der Zunge, bevor er antwortete: „Seltsame Logik. Du glaubst, dass du träumst und du glaubst, du wärst hier. Dein Wissen basiert auf Glauben. Nicht gerade eine solide Basis.“

Noch bevor ich mich wundern konnte, wieso mich die Diskussion über Wissen und Glauben durch all meine Träume verfolgte, krachte es. Die gläserne Kuppel bekam Sprünge und durch einzelne Löcher drang Wurzelwerk.

„Er ist da!“ ereiferte sich der Dürre und tanzte um sein Bündelfernrohr. „Er ist gelandet. Mein kardasisches Wumps hat ihn angezogen.“

„Dann ist dein Rohrbündel gar kein Fernrohr, sondern eine Art Baummagnet“, folgerte ich messerscharf.

„Ja natürlich, so kannst du ihn auch nennen. Ist es nicht wunderbar, dass er hier ist. Wir werden durch ihn enorm hinzugewinnen.“

Aha, dachte ich, hier geht es wieder einmal um Geld. Diese Seuche hatte jetzt offenbar auch die Traumwelten erfasst. „Wieviel ist er denn wert?“

Der Dürre schnalzte wieder mit der Zunge und es klang diesmal als würde er mit ihr eine heiße Herdplatte berühren. „Unendlich viel. Der Baum wird mit seinem Wissen, das er in sich trägt, die Welt viel reicher und stabiler machen.“

Reich und stabil? Welch’ seltsame Kombination. Welch’ seltsame Welt.

„Du meinst diesen Traum hier?“ Ich machte eine umfassende Bewegung mit den Armen.

„Ja, hier. Die Kuppel, die Wasserfälle, und alle die darin denken. Wir werden wissen und wir werden verstehen. Er ist endlich hier.“

Die Wurzeln des Baums umschlangen das Rohrbündel und das Räderwerk. Vom Kuppeldach regnete es Glas, das auf dem Boden zu Wasser zerfloss.

„Komm“, sagte der Dürre, „gehen wir zu ihm. Er hat uns soviel zu erzählen.“

Gerne hätte ich weiter geträumt und erfahren, was der reisende Baum zu berichten hatte, doch wie üblich wachte ich im spannendsten Moment meines Traumes auf.

Haltet eure Träume fest, sie wollen euch viel erzählen. Euer Traumperlentaucher

Ein Himmel voller Bücher

„Nichts kann hier Verwendung finden“, sagte er und wischte mit der Hand ein altes Transistorradio vom Tisch.

„Wo sind wir“, fragte ich.

„In meinem Himmel. Wo sonst?“

Sein Himmel war eine riesige Bibliothek, erhellt durch eine einzige nackte Glühbirne. Die Gestelle mit den Bücherreihen verloren sich in der Dunkelheit des Raumes.

„Du hast dir einen Himmel voller Bücher geschaffen?“, fragte ich und sah erstaunt einer kleinen grauen Maus zu, die in einem Buch zu lesen schien, das auf einem Pult lag.

„Ja, natürlich. Bücher waren mein Leben. Jeder schafft sich seinen Himmel selbst.“ Ich schaute den kleinen Mann mit der Glatze verwundert an. Wieso war ich ausgerechnet in seinem Himmel gelandet? Wo war mein persönlicher Himmel?

Als könne er Gedanken lesen, sagte er: „Wo ist denn dein Himmel?“

In diesem Augenblick merkte ich, dass ich träumte. Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen. Denn das bedeutete, dass ich noch lebte. Doch ich spürte ein Gefühl der Enttäuschung.

„Ich verstehe“, sagte der Kleine, „du hast noch keinen, du bist ein Visiteur.“

Ja, leider, hätte ich fast gesagt. Es musste schön sein, einen eigenen Himmel zu besitzen.

„Viele haben einen Himmel, der die Hölle ist“, sagte der Kleine mit der Glatze. Die Maus sah ihn vorwurfsvoll an. Ich bemerkte, dass sie eine Brille trug.

„Himmel und Hölle sind manchmal nahe beieinander“, bemerkte ich.

„Jeder bekommt, was er verdient.“

Wie würde wohl mein Himmel aussehen, fragte ich mich. Und würde ich wirklich die Gelegenheit erhalten, ihn selbst zu erschaffen?

Der kleine Mann schien tatsächlich Gedanken lesen zu können. „Dein Himmel wartet schon auf dich, du hast ihn längst geschaffen.“

„Wie denn?“

„Mit deinen Gedanken und mit dem, was du getan und auch mit dem, was du nicht getan hast.“

Ach, könnte ich doch nur einen Blick in diesen Himmel tun, dachte ich. Ob es dort auch Bücher gab?

„Wie sieht er denn aus, mein Himmel?“

Die Maus legte eine Pfote auf ihr Maul und sah den Mann streng an. Doch dieser lächelte und sagte:

„So wie deine Träume.“

„Was ist mit dem Transistorradio? Ist es kaputt?“

Er hob das Gerät auf, das aufgesprungen war und aus dessen Innern elektronische Teile quollen. „Nein, es spielt das falsche Programm.“

Irgendetwas stimmte nicht an seinem Himmel, das spürte ich. Doch in diesem Augenblick wachte ich auf.

Seid vorsichtig in euren Gedanken. Euer Traumperlentaucher

Die künstliche Geschichte

„Die Geschichte ist künstlich, nichts ist so wie es geschrieben steht.“

Der kleine rundliche Mann unterstrich seine Worte, indem er mit dem Zeigefinger kreuzweise durch die Bierpfütze auf dem Tisch fuhr.

„Das ist nicht möglich, es gibt einfach zu viele Überlieferungen, sie können nicht alle gefälscht sein. Außerdem stehen überall auf der Welt Bauwerke als Zeitzeugen. Zum Beispiel die Pyramiden.“

„Ach was, gerade bei den Pyramiden stimmt nichts. Sie sind keine Pharaonengräber, sondern beherbergen Tore zu einer anderen Welt.“

„Stargates?“ ich musste lächeln. Der Mann hielt Science Fiction für Realität.

Eine stämmige Kellnerin trat an unseren Tisch und schob ungefragt zwei frisch gefüllte Krüge durch die Bierpfützen. Zwei Tische weiter kotze sich einer die Seele aus dem Leib. Doch das schien niemand in der düsteren Kneipe zu stören. ‚Zur Hölle‘ hiess die Spunte und sie hätte perfekt ins Mittelalter gepasst – inklusive Personal und Gäste.

„Sie sind immer noch da.“ Der Mann beugte sich zu mir über den Tisch. „Darum ist bisher auch niemand auf dem Mond gewesen. Alle Mondlandungen wurden im Filmstudio gedreht. Der Mond ist ihr Stützpunkt, ihr Raumschiff mit dem sie gekommen sind.“

„Ja, ja, die üblichen Verschwörungstheorien. Chemtrails, HAARP, Nibiru etc.“

„Natürlich diskriminiert man die Wahrheit als Verschwörungstheorie. Das ist das Totschlagargument für alle kritischen Fragen. Dabei ist es so offensichtlich. Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters. Die Menschheit wird einen Bewusstseinssprung erleben. Sie wird auf eine höhere Ebene aufsteigen.“

„Zurzeit habe ich eher das Gefühl, das wir auf eine tiefere Ebene runterfallen.“

Doch der Mann ließ sich nicht beirren.

„Wir werden dann wieder zum Mars zurückkehren, von dem wir ursprünglich stammen. Die Götter werden uns dabei helfen.“

„Die Götter?“

„Ja, sie leben im Innern des Mondes. Der ist nämlich hohl.“

„Ich dachte die Erde sei hohl – zumindest behaupten das einige.“

„Das stimmt, auch die Erde ist hohl. Es gibt eine innere Erde. Doch die Erdlinge, die dort leben, haben nichts mit uns zu tun. Sie verstecken sich vor dem hohen Gericht.“

Das wird ja immer irrer, dachte ich. Wie kann man in einer solchen Fantasiewelt leben? Doch dann spürte ich ein seltsames Gefühl in meinem rechten Bein. Als ich aufwachte, leckte mir mein schielender Psychokater den Fuß.

Eigentlich konnte man ganz gut mit verrückten Fantasien leben, fand ich. Meine Träume beweisen es jede Nacht.

Euer Traumperlentaucher

Albtraum aus der Zukunft

Die Stadt unter mir lag in Schutt und Asche. Der Horizont rundherum glühte in dunklem Rot. Kein Geräusch drang an meine Ohren, es war still, totenstill.

Inmitten dieser apokalyptischen Szene ragte ein seltsam verdrehter Turm in den dunklen Himmel. Eine Karikatur des Eiffelturms.

„Paris!“, entfuhr es mir. Das zerstörte Paris. Was war geschehen, und wie kam ich hierher?

„So ist es, mein Freund“, sagte eine röchelnde Stimme neben mir. Ich wandte den Kopf. An meiner Seite stand ein hagerer Mann in einem weißen Gewand. Er trug eine Gasmaske. Ich tastete nach meinem Gesicht. Wieso hatte ich keine Maske auf? Panik erfasste mich.

„Du benötigst keine, du bist eine Traumgestalt“, sagte der Hagere.

„Ich eine Traumgestalt? Das kann nicht sein.“ Ich war es doch, der diesen Albtraum träumte!

Er sagte nichts darauf. Ich wandte mich um. Wir standen in einer Gondel, die unter einer riesigen, länglichen Ballonhülle hing.

„Was ist geschehen in deinem Traum?“, fragte ich.

„Die Stadt wurde beim Buchkrieg vor hundert Jahren zerstört. Sie ist unbewohnbar. Sogar die Pflanzen meiden sie. Wie du sehen kannst, ist nirgends ein grüner Flecken zu entdecken.“

Buchkrieg? Ein Krieg um ein Buch? Ein Atomkrieg, der alles Leben auslöschte. War ich in der Zukunft gelandet – in einem Zukunftstraum?

„Welches Jahr schreiben wir denn?“

„Das Jahr siebenundzwanzig nach der Ankunft des zweiten Propheten. Die Götter mögen ihm gnädig sein.“

Götter? Würde in Zukunft der Polytheismus wieder auf der Erde Einzug halten? Und wieso sollten die Götter ihrem Propheten gnädig sein? Ich fragte ihn danach.

„Der zweite Prophet hat den Gott der Nacht und den Gott des Tages verraten.“

Also gab es mindestens zwei, dachte ich. Einer für den Tag und einer für die Nacht. Wie praktisch.

„Es gibt keinen Tag mehr und auch keine Nacht“, fuhr der Hagere fort. Sonne, Mond und Sterne, er hat sie alle mitgenommen.“

Ich entdeckte einen zweiten Ballon. Er sah aus wie ein Fisch. „Von wo kommt ihr und was führt euch hierher in diese Todeszone?“

„Wir kommen von Gwadena und sind auf der Durchreise. Unser Ziel liegt im hohen Norden, dort soll es eine Arche geben.“

„Eine Arche? Voller Tiere?“

„Nein, voller Samen. Eine Legende besagt, dass tief in Fels und Eis Sämereien aufbewahrt werden, für eine neue Welt nach dem Untergang der alten.“

„Und wo liegt Gwadena“, wollte ich wissen.

„Im Süden, weit jenseits der großen Pyramiden. Dort wo sich vor vielen Jahren die Erde geteilt hat.“

Was für eine Zukunft! Hoffentlich nur eine von vielen möglichen Zukünften, dachte ich.

„Es ist Zeit für dich zu gehen. Mein Traum ist zu Ende und ich muss aufwachen“, sagte der Mann mit der Maske. Seine Stimme klang schwach, ich hörte, dass er Mühe mit Atmen hatte.

Ein beklemmendes Gefühl beschlich mich. Wo würde ich aufwachen, wenn er aufhörte zu träumen? Oder würde ich gar aufhören zu existieren?

Die düstere Welt unter dem Luftschiff löste sich in viele kleine Splitter auf und fiel auseinander. Auch der Mann mit der Gasmaske begann sich aufzulösen. Bevor er ganz verschwand sah ich für einen Augenblick an seiner Stelle eine andere Szene. Es war wie ein Blick hinter den Vorhang eines Theaters. Ein alter Mann lag unter einer Palme am Ufer eines Meeres und atmete schwer. Draußen ragte das Wrack eines großen Schiffes aus dem Wasser. Die Luft flimmerte vor Hitze, aufgeheizt durch die große rote Sonne am bleigrauen Himmel.

Dann befand ich mich allein in der Gondel des Luftschiffes. Rundherum war nichts als Dunkelheit. Ob ich je aufwachen würde?

Vergesst die Götter, betet für die Bienen. Sie schenken uns Leben. Euer Traumperlentaucher

Der Glaube des Herzens

Vergangene Nacht landete ich im Traum in einem altbekannten Raum. Drei Türen, Gestelle voller Bücher, ein Fenster, draußen fiel dichter Schnee in großen Flocken. Doch diesmal hatte ich Gesellschaft. Eine Frau, die eine Hälfte ihres Gesichts jung und hübsch, die andere alt und voller Runzeln.

„Ich weiß“, seufzte ich ob all der Symbole auf engem Raum, „es geht darum, die richtige Tür zu wählen.“

„Wissen ist der Feind des Glaubens“, sagte sie und ihre Stimme war jung und alt zugleich. „Glauben kann man alles, doch wissen nicht.“

„Ich weiß…“

„…Du denkst bloß, wissen zu müssen. Dabei glaubst du und weißt doch nichts.“

„…ich…ich bin …auf der Suche…“, stotterte ich.

„Auch das glaubst du bloß, aber du weißt es nicht. In Wirklichkeit bist du nichts als ein Durchreisender.“

Was zum Teufel wollte die Frau von mir? Ich war ihr keine Rechenschaft schuldig, schließlich war es mein Traum. Sie gehörte nicht hierher. Ich machte eine Handbewegung in der vagen Hoffnung, sie damit zu verscheuchen. Doch die junge Alte blieb und sah mich durchdringend an. Das eine Auge voll frischem Glanz und Lebenslust, das andere abgeklärt und müde. Vielleicht sollte ich eine der drei Türen öffnen, überlegte ich und trat zu der an meiner rechten Seite. Ich drückte die Klinke und zog daran. Doch vergebens, sie war verschlossen.

„Dir fehlt der Schlüssel“, meinte sie trocken. Die junge Hälfte ihres Gesichts lächelte, die alte grinste.

„Ja, ja, die übliche Symbolik.“ Ich war genervt. „Das Wissen, das mir fehlt ist der Schlüssel.“

„Nein, es ist der Glaube, der dir fehlt. Diese Tür kann nur der Gläubige öffnen.“

„Wohin führt sie?“, wollte ich wissen. „Ins Jenseits?“

„Wohin sie führt ist unbeschreibbar.“

„Alles lässt sich umschreiben“, protestierte ich.

„Nicht, wenn es nicht durch Form, Zeit und Raum begrenzt ist. Nicht wenn es immer war und immer sein wird. Nicht, wenn du es nicht besitzen kannst und wenn du von ihm nicht besessen sein kannst.“

Die junge Alte war schlimmer als mein alter Freund, der Gesichtslose. Sie sprach in Rätseln.

„Was willst du von mir?“, fragte ich. Dabei kannte ich die Antwort bereits. Als wären die Worte meinen eigenen Gedanken entsprungen, antwortete sie prompt:

„Ich will nichts von dir, aber du willst etwas von mir.“

„Diesen Spruch kenne ich“, sagte ich schroff. Ich wandte mich von ihr ab und der Tür hinter mir zu. War ich durch sie in diesen Raum gekommen? Als ich an ihr zog, öffnete sie sich ohne Widerstand. Insgeheim hatte ich erwartet, durch sie nach draußen in die Winterlandschaft zu gelangen. Doch stattdessen erwartete mich ein dunkler Raum. Ein Schwindel erfasste mich, als ich erkannte, was ich sah. Ich stand an der Grenze zum Weltall wie in der Schleuse eines Raumschiffs. Zwischen den Lichtpunkten ferner Sterne entdeckte ich eine Galaxie und dahinter nochmals eine. Sterneninseln in der Unendlichkeit.

„Es ist wunderbar!“ Mein Ärger war verflogen. Schade, dass es nur ein Traum war. Doch vielleicht sah ich die Wirklichkeit durch das Auge des Traums.

„Es ist eine von vielen Wirklichkeiten“, tönte es neben mir. Die junge Alte stand unvermittelt neben mir und ich sah ihre junge Seite. Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand und staunte. Meine Augen gewöhnten sich immer besser an die Dunkelheit und ich entdeckte immer weiter entfernte Sterneninseln. Doch dann überkam mich die Neugier und ich schritt zur Tür gegenüber. Auch sie ließ sich leicht öffnen. Und auch sie führte in einen dunklen Raum. Doch hier waren keine Sterne, es waren keine fernen Galaxien zu sehen. Der Raum war leer, ein alles verschluckendes Nichts. War das etwa die Zukunft?

„Du musst mit deinem Herzen sehen“, sagte die junge Alte, die sich wieder an meine Seite gesellt hatte.

„Ich sehe nichts“, antwortete ich enttäuscht.

„Eines Tages wirst du sehen können. Dann wird sich deine Seele an deine Herkunft erinnern.“

„Eines Tages? Noch in diesem Leben?“

„Nach vielen Leben. Wenn du bereit sein wirst, die körperliche Bindung zu lösen und dem göttlichen Licht zuzustreben.“

Mir wurde schlecht. Ich wollte nicht viele Leben leben, wollte nicht immer wieder von neuem beginnen. Dieses eine Leben war Leben genug. Danach wollte ich meine Ruhe.

„Jeder glaubt das, was ihm in den Kram passt“, sagte sie. Sie hatte mir ihre alte Seite zugewandt. Trotz der Runzeln erkannte ich darin die Schönheit der Jugend. Wie hatte ich das übersehen können?

Sie lächelte nur.

Glaubt nicht alles, was man euch als Wissen verkauft. Aber glaubt eurem Herzen. Euer Traumperlentaucher