Archiv der Kategorie: Melvin

Vor ein paar Tagen traf ich bei einem Waldspaziergang wieder auf Melvin. Er begleitete mich auf meinem Lieblingspfad, einem schmalen Weg, der zur höchsten Stelle führt, dort wo der Orkan Lothar im Jahr 1999 eine ganze Waldkuppe abrasiert hat. Auf halber Strecke kam uns ein Velofahrer entgegen. Einer jener Sorte, die sich Biker nennen, angezogen wie ein Papagei, den Adrenalin getränkten Blick auf den Waldpfad fixiert. Er klingelte schon von weitem wie verrückt. Wir verdrückten uns in die Brombeerstauden am Rand um nicht umgefahren zu werden.

„Wir hätten dem rücksichtslosen Kerl einen Stock in die Speichen stoßen sollen“, bemerkte ich zu Melvin und befreite mich aus dem Dornengestrüpp. Doch mein Begleiter lächelte bloß.

„Mit solchen Begegnungen muss man heute rechnen. Je näher an der Stadt umso häufiger. Die Menschen brauchen ein Ventil.“

„Er hätte uns umfahren können. Er hätte doch abbremsen können.“

„Er hat ja geklingelt. Wieso regst du dich auf. Das schadet der Gesundheit.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Manchmal verstehe ich dich nicht, mein Freund. Wie schaffst du es nur, so gelassen zu sein?“

„Das ist ganz einfach. Wenn mich etwas stört – zum Beispiel das Verhalten meiner Mitmenschen – frage ich mich jeweils nach dem Grund.“

Ich sah ihn irritiert an.

„Na und? Der Grund vorhin war doch sonnenklar. Das war dieser Spinner.“

„Nein, ich habe herausgefunden, dass der Grund meistens bei mir selbst liegt.“

„Das ist doch verrückt. Wenn er dir über die Füße fährt, liegt doch der Grund nicht bei dir!“

Inzwischen waren wir auf dem höchsten Punkt angelangt und setzten uns auf die Steine der Feuerstelle neben dem Jungwald.

„Nehmen wir ein anderes Beispiel“, begann Melvin. „Du hast mir vor einiger Zeit von deinem Verein erzählt, in dem du Mitglied bist. Und du hast mir über langfädige Vorstandssitzungen berichtet, die nie zurzeit fertig werden.“

„Ja, es nervt, zu hören, wie Nichtigkeiten breitgewalzt werden und wie unstrukturiert die Sitzungen erfolgen. Man könnte in fünf Minuten erledigen, was eine Stunde dauert.“

„Dann hast du ein Problem.“

„Sag ich ja.“

„Und zwar mit dir selbst.“

„Wieso das?“

„Du misst mit deinem Maßstab, du denkst, diese Sitzungen müssten so ablaufen, wie du dir das vorstellst. Aber du bist nicht das Maß aller Dinge. Andere sind weniger strukturiert, weniger zielorientiert und haben andere Vorstellungen. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann hast du ein Problem mit dir selbst.“

Das hatte tatsächlich was. Fehlte es mir vielleicht an einer Portion Gelassenheit?

„Ok, das mag ja sein. Aber ich habe noch ein anderes Beispiel. Da liegt das Problem sicher nicht bei mir. Meine Frau schraubt den Deckel des Orangesafts nicht richtig zu und jedes Mal, wenn ich die Flasche schüttle spritzt es raus.“

Melvin lachte laut heraus. Ich bildete mir ein, sogar das Echo unten im Wald zu hören.

„Das ist jetzt wirklich dein Problem. Es liegt an dir, vor dem Schütteln zu schauen, ob der Verschluss richtig sitzt. Das kostet dich nur ein Lächeln und erspart unnötigen Streit. Das Problem ist deine Ungeduld und dein Hang zu Perfektionismus…“

Ich war baff. Melvin entpuppte sich als Meister Yoda.

„…wir Menschen neigen dazu, unsere Probleme auf andere zu projizieren. Anstatt uns selber kritisch zu betrachten und uns zu fragen, wie wir eine Situation verbessern können…“

Melvin hat mich sehr nachdenklich gemacht und ich habe mir vorgenommen, mich immer zuerst zu fragen: „Wieso stört mich diese Situation? Was kann ich dazu beitragen um sie zu verbessern?“

Mit geträumten Grüßen. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Es geht auch ohne Brücke. © Barbara & Gregor Jungo

Schwierige Fragen – einfache Antworten

Die Fragen, die uns am meisten berühren, sind einfach. Doch die Antworten sind es nicht. Ja, für die meisten dieser Fragen kennen wir die Antworten gar nicht. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

„Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst“, sagte mir Melvin kürzlich, als wir droben beim Wald auf der Bank sassen und unsere Blicke über das weite Land zwischen Alpen und Jurabogen schweifen liessen.

Als ich ihn etwas konsterniert anblickte, sagte er:

„Man braucht keinen Teilchenbeschleuniger und keine Weltraumsonden, um zu erkennen, dass Leben ein universelles Prinzip ist.“

„Dann glaubst du, dass unsere Erde und unsere Existenz nicht einzigartig und einem einmaligen Zufall zu verdanken sind?“

Melvin lachte. Es klang wie das Kichern eines Zwergs und wollte ganz und gar nicht zu ihm passen.

„Eines Tages wird man entdecken, dass es im Weltall nur so wimmelt von Leben.“

„Wieso sind wir dann anderen Zivilisationen nicht schon längst begegnet? Wieso sind bisher keine Aliens auf der Erde gelandet?“

Er kicherte wieder wie ein verrückter Zwerg.

„Das sind sie doch schon längst. Denkst du wirklich, die Menschheit sei noch nicht entdeckt worden? Wir seien inkognito?“

„Aber dann müssten wir doch Radiosignale von anderen Planeten empfangen können. Doch da draussen ist nichts.“

„Das ist ja das Problem“, entgegnete er, „nur weil wir das elektromagnetische Spektrum in diesem Bereich nutzen, meinen wir, andere müssten das auch. Wir schliessen von uns auf andere. Aber das funktioniert nicht. Es macht uns blind. Wir nehmen so nur wahr, was in unser Schema passt, alles andere können wir nicht sehen.“

Melvin erhob sich und deutete auf den blauen Himmel über uns.

„Da draussen ist Leben. Das ganze Universum lebt. Darum wurde es geboren. Und das Leben entwickelt sich immer weiter zu höheren Ebenen.“

Er bückte sich und nahm einen Stein vom Boden auf.

„Bis alles lebt, bis jeder einzelne Stein zum Leben erweckt wurde.“

„Ist das Gottes Ziel“, fragte ich etwas naiv.

Melvins Kichern ging in ein Wiehern über. Ob er meine Frage so lustig fand?

„Nein, Leben ist ein Prinzip, dem auch die Götter unterworfen sind.“

„Die Götter?“ ich war baff. „Du huldigst dem Polytheismus?“

„Ich huldige nicht, ich beobachte und frage nur. Und dann fallen mir Antworten zu.“

„Eher ein- als zufallen“, murmelte ich.

Doch Melvin beachtete mich nicht. Wie ein Prediger stand er da, hob seine Arme gegen den Himmel und sagte:

„Wie im Kleinen, so auch im Grossen. Du brauchst keine steinalten Bücher zu studieren, um zu erkennen, dass die Götter keinen Deut besser sind als wir. Sie sind bloss mächtiger. Auch dort drüben bekämpfen sich Gut und Böse und es geht dabei allein um Macht – genau wie bei uns.“

Er deutete auf den Hügel gegenüber. Aber vermutlich meinte er eine andere Dimension.

„Dann glaubst du nicht an einen gütigen, allwissenden und liebenden Gott?“

„Ach was“, rief er übers Feld, weiss der Teufel was dort drüben ist.“ Er war jetzt so richtig in Fahrt und seine Stimme überschlug sich fast. „Dort sitzt sicher nicht der Gott der Pfaffen, wenn es überhaupt ein Drüben gibt.“

„Aha, dann glaubst du also nicht….“

„….Nein, ich glaube gar nichts. Schon gar nicht an einen Gott, der unsere Gebete braucht und aufsaugt wie ein Schwamm das Wasser.“

„Vielleicht sind die Aliens unsere Götter?“, lieferte ich weiteren Zündstoff.

„Wie bei Erich von Däniken? Der alte Knacker hat doch einen Sprung in der Platte. Seit Jahrzehnten erzählt er den gleichen Käse. Glaubt doch tatsächlich, die Fremden wären mit Raketen gekommen und hätten Raumanzüge getragen wie bei der NASA.“

„Wieso nicht?“

„Eine fremde Zivilisation, die in der Lage ist, die enormen Abgründe des Raumes zu überwinden, ist uns in der Technologie so weit voraus, dass diese jenseits unseres Vorstellungsvermögens angesiedelt ist.“

„Ob sie auch ihre Götter haben?“

„Da kannst du Gift drauf nehmen.“

 

Das werde ich natürlich nicht tun. Euer Traumperlentaucher

 

Mit Melvin bei Armin

Wir trafen uns in der Kantine. Ein Raum, so schien es mir, der nicht in diese Welt gehörte. Schon die Akustik war sonderbar. Da war zum Beispiel dieses Murmeln in der Luft. Armin hatte mir zwar erklärt, das liege an der defekten Lautsprecheranlage, aber ich glaubte ihm nicht. Auch die ganze Einrichtung schien nichts mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Die Tischbeine glänzten seltsam und die Bilder an den Wänden schienen sich zu bewegen. „Das liegt daran, dass sie von den Patienten gemalt wurden“, hatte mir Armin erläutert. Vielleicht hatte er ja recht und die Andersartigkeit der Kantine lag an ihren Benutzern.

Wir saßen also in der Kantine des Sanatoriums und Melvin und Armin kamen sofort miteinander ins Gespräch. Ich konnte dabei bloß stiller Zuhörer sein, denn der Sinn ihrer Worte blieb mir verborgen und trug ein Weiteres zu der Fremdartigkeit dieses Ortes bei.

„…je näher man der Wahrheit kommt, desto zähflüssiger werden die Gedanken“, hörte ich Melvin sagen und betrachtete dabei die Tischbeine. Sie wechselten im Licht der Leuchtstoffröhren ihre Farbe wie Chamäleons.

„Kurz vor der Entdeckung stehen sie ganz still“, entgegnete Armin.

„Ja, und dann bleibt dir nichts anders übrig, als den ganzen Weg zurück zu gehen um nochmals zu beginnen.“

„Um sich wiederum in den unzähligen Möglichkeiten zu verirren, die sie zur Täuschung ausgelegt hat.“

„Doch nirgendwo kommst du ihr so nahe wie im Traum“, sagte Melvin. „Doch leider darfst du sie bloß küssen und nicht mitnehmen. Zurück in der Wirklichkeit bleibt dir nur der Geschmack ihrer Lippen, ihre Botschaft hast du vergessen.“

„Nicht vergessen, du hast sie drüben gelassen. Denn hättest du sie nur vergessen, wäre sie noch in dir und es könnte dir eines Tages gelingen, zu ihr vorzudringen.“

„Das sehe ich anders“, erklärte Melvin. „Wer von ihr geküsst wurde, trägt den Abdruck ihrer Botschaft.“

„Ihr habt dieselbe Frau getroffen?“, mischte ich mich in ihr Gespräch.

Die Beiden starrten mich verständnislos an. An der Wand gegenüber wackelte ein Bild: Eine Frau, die durch eine Nebellandschaft wanderte.

„Auch du bist ihr sicher schon begegnet. Sie hält die Welt zusammen“, sagte Armin.

„Dann ist Gott eine Frau?“, stellte ich erstaunt fest. Aber ich hätte lieber geschwiegen. Die beiden grinsten sich an.

„Es gibt keine Götter“, erklärte Melvin.

„Nur Götzen“, ergänzte Armin.

„Sie lieben nicht die Menschen, sie lieben sich selbst.“

„Und sie kämpfen um die Vorherrschaft.“

„Doch nur im Hier und Jetzt. Bist du einmal tot, bist du ihnen entwischt.“

Mir schwirrte der Kopf. Auf den Tischbeinen spiegelte sich das Bild der Frau im Nebel.

„Die Wahrheit wartet auf dich nach dem unendlichen Schlaf am Ende der Zeit“, erklärte Armin.

„Doch wenn du aufwachst, scheint es dir, du seist gerade eingeschlafen“, fügte Melvin an.

„Die Götzen unserer Zeit sind dann längst vergangen, genauso wie das Universum, in dem sie einst existierten.“

Meschugge, dachte ich und schaute zu dem Bild mit der Frau im Nebel. Doch an ihrer Stelle hing nun ein anders Bild: ein Bett in einem verwilderten Garten. Darin lag ein Kind und schlief.

Euer Traumperlentaucher

Ein mühsamer Greis

Gestern war ich bei Armin im Sanatorium zu Besuch. Doch der Verrückten nicht genug – Melvin hat mich begleitet. So kam ich zu einem interessanten Gespräch bereits auf der Hinfahrt.

„Mein Alter spinnt wieder“, begann Melvin unvermittelt. „Er ist ein mühsamer Greis.“

„Wie alt ist denn dein Vater?“, wollte ich wissen.

„80 und kein bisschen weiser.“

„Aha, woran liegt das denn?“

„Er kann einfach nicht loslassen und das Leben geniessen. Dabei wäre es höchste Zeit. Stattdessen jammert er rum, wie alt er sei und dass ihn die Jungen nicht verstehen würden.“

„Also keine Altersmilde?“

„Keine Spur. Er ist noch immer ganz der Alte. Am meisten wurmt es ihn, dass aus mir nicht das geworden ist, was er sich vorgestellt hatte. Es musste ja immer alles nach seinem Kopf gehen. Kaum hatte ich meine Lehre als Radioelektriker abgeschlossen, hat er mir ein Radio und TV-Geschäft gekauft.“

„Wie grosszügig von ihm!“

„Berechnete Grosszügigkeit. Bei ihm ist nichts gratis, hinter jedem Geschenk steckt eine Erwartung.“

„In diesem Fall erwartete er von dir wohl eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit. Das ist doch normal.“

„Die meisten Vögel scheissen in ein Nest, das sie nicht selbst gebaut haben.“

„Undankbare Vögel“, grinste ich.

„Ich wollte einfach nicht mehr nach der Pfeife meines Vaters tanzen.“

„Was hast du getan?“

„Ich ging pleite.“

„Eine interessante Lösung“, frotzelte ich. „Aber wieso spinnt dein Alter jetzt wieder, wie du sagst?“

„Nach seiner Pensionierung konnte er natürlich nicht aufhören, Menschen herum zu kommandieren. Er hat sich in allerlei Projekte gestürzt.“

„Wieso nicht? Das ist doch besser, als den ganzen Tag vor der Glotze zu hocken und auf den Sensemann zu warten.“

„Ja schon, aber für seine Projekte brauchte er immer ein paar Helfer, die er herumkommandieren konnte und die seine Träume verwirklichten.“

„Tja, ohne Bodenpersonal geht eben nichts. Was ist daran falsch?“

„Jetzt wachsen ihm seine Projekte über den Kopf und er will sie loswerden.“

„Aha, ich verstehe, und du bist die Person der Wahl.“

„Ja, ich soll den ganzen Basar übernehmen und sein Werk fortführen. Er erwartet damit eine gewisse Unsterblichkeit und hofft, dass die Leute ihn nicht vergessen werden. Denn davor fürchtet er sich am meisten. Davor, dass er vergessen wird. Davor, dass er plötzlich allein ist…“

„…und sich mit sich selbst auseinandersetzen muss. Ich verstehe.“

„Ja, und das letzte und wichtigste Projekt im Leben ist der eigene Tod.“

Fortsetzung folgt. Euer Traumperlentaucher

Eine Überlebenstheorie

Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Melvin, der sich nicht von seiner toten Frau trennen wollte? Kürzlich traf ich ihn wieder oben im Wald. Er sass auf der Bank, von der man einen wunderbaren Blick über das weite Land hat, vom Jurabogen bis zu den Viertausender der Alpen. Ich setzte mich zu ihm und wir kamen ins Gespräch.

„Ich habe wieder eine Freundin“, sagte er.

„Oh, das freut mich“, antwortete ich, „kommt doch mal zusammen vorbei, dann können wir meinen neuen Schnaps degustieren.“

Komischer Kerl, dachte ich, beim letzten Mal hatte er noch behauptet, schwul zu sein. Vielleicht war seine Freundin in Wirklichkeit ein Freund.

Er zog ein vergammeltes Bild aus der Tasche. Es war tatsächlich eine Frau. Meiner Erfahrung nach kein Engel.

„Sie hat kleine Titten“, sagte er entschuldigend. „Dafür hat sie einen hübschen Hintern.“

„Das macht nichts“, entgegnete ich, „ich mag kleine Brüste.“

Er schaute mich schräg an. Ob ich was Falsches gesagt hatte?

„Wo habt ihr euch denn kennen gelernt?“

„In der Vorbereitungsgruppe. Wir haben zusammen vakuumiert.“

„Ich will keine Details wissen“, winkte ich ab. Heutzutage hatte ja jeder einen Fetisch. Das ging mich nichts an.

„Man kann fast alles vakuumieren“, insistierte er.

„Ja, natürlich.“ Das Gespräch wurde immer peinlicher, fand ich.

„Es macht richtig Spass, zu sehen wie es da raussaugt.“

„Das liegt in der Natur des Vakuums. Ich habe manchmal ein Vakuum im Kopf. Dann kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen“, versuchte ich abzulenken.

„Nur rote Beete geht schlecht. Der ganze Saft ist uns in den Motor gelaufen und das Gerät sah aus, als hätte man damit ein Schwein geschlachtet.“

Mir dämmerte, dass meine Fantasie wohl schmutziger war, als sein Vakuumieren. Vermutlich bin ich rot geworden. Ich hoffe, er hat das nicht bemerkt.

„Was ist denn das für eine Vorbereitungsgruppe?“, fragte ich.

„Zweitausend und Zwölf. Wir bereiten uns auf den Untergang der Welt vor.“

Jetzt verstand ich. Die beiden hatten vermutlich Nahrungsvorräte verpackt.

„Wozu braucht ihr denn Vorräte? Wenn die Welt untergegangen ist, ist niemand mehr da, der Hunger hat. Alle Nahrungsprobleme sind dann gelöst.“

„Es gibt immer Überlebende. Auch wenn es die Erde zerreisst. Vielleicht treiben wir dann auf einem Überrest durch das All. Wir haben zusammen einen alten Bus gekauft. Einen Zweistöcker.“

„Aha“, machte ich, „und damit wollt ihr durch den Weltraum reisen.“

„Ach was, mach dich nicht lustiger als du bist. Wir werden den Bus eingraben und als Bunker herrichten.“

Er spinnt noch mehr als Armin, dachte ich.

„Dazu braucht es aber eine Baubewilligung.“

„Wenn die Welt untergeht, ist auch das Problem mit den Baubewilligungen gelöst“, meinte er.

„Weißt du was, Melvin: das nächste Mal, wenn ich meinen Freund Armin besuche, nehme ich dich mit. Ich denke, ihr werdet euch prächtig verstehen.“

„Wo wohnt er denn.“

„Im Sanatorium.“

„Wunderbar, dort wollte ich schon lange mal hin.“

Mit ein bisschen Irrsinn erträgt man die Welt leichter. Auch den Weltuntergang. Euer Traumperlentaucher.

Melvins seltsame Ansichten und Einsichten

„Ich bin Witwer“, erklärte mir Melvin. Wir saßen auf der kleinen Bank am Waldrand und schauten dem Bauern beim Eggen zu.

„Das tut mir Leid. Wann ist dein Freund gestorben?“

„Meine Frau Clarissa. Auch Schwule sind manchmal verheiratet. Es ist jetzt zwei Jahre her. Sie hatte Krebs.“

Ich schaute in sein gerunzeltes Gesicht mit den dunklen Augenringen. Kaum zu glauben, dass er erst fünfunddreißig war.

„Ich hätte sie gerne einbalsamieren lassen wie die Pharaonen, doch das wurde mir nicht erlaubt.“

„Einbalsamieren?“ Beinahe hätte ich ihn gefragt, wo er denn die Mumie hätte aufbewahren wollen. Doch das wäre unpassend gewesen. Trotzdem hatte ich den Eindruck, ich müsse etwas sagen.

„Heutzutage werden die meisten Menschen kremiert.“

Melvin schaute mich mit einer Mischung von Entsetzen und Abscheu an. Ich biss mir auf die Zunge. Schweigen ist Gold, reden ist Blech.

„Das ist schrecklich. Die Menschen werden so direkt in die Hölle gestoßen.“

„Aber sie sind doch tot, die Seele ist längst gegangen, was verbrannt wird, ist die leere Hülle“, protestierte ich.

„Was weißt du schon von drüben.“ Er drehte sich mit zitternden Händen einen Joint. „Die Seele braucht Zeit um sich zu lösen. In der Gluthitze des Ofens wird dieser Vorgang gestört. Die Seele flüchtet sich noch einmal in den Körper und die Toten wachen auf – mitten in einem Flammenmeer.“

„Entsetzlich“, stammelte ich. Was sollte ich sonst sagen?

„In der Tat. Denn in diesem fürchterlichen Augenblick dehnt sich die Zeit ins Unendliche. Die Seele bleibt in diesem Augenblick gefangen. Während für den Ofenmeister Minuten vergehen, durchleidet der Mensch Qualen bis ans Ende der Zeit.“

Ich schluckte leer. Doch dann kam mir die scheinbar rettende Idee: „Du hast Clarissa nicht kremieren lassen, nicht wahr?

„Nein, natürlich nicht. Ich habe ihren toten Körper beiseite geschafft, bin mit ihr in den Wald geflohen. Dafür habe ich gesessen.“

„Scheiße“, entfuhr es mir. Und mir dämmerte ein Verdacht. „Du hast sie begraben? Hier in diesem Wald?“

„Erst als ich nachts den Gestank nicht mehr ertragen konnte, wenn ich neben ihr schlief.“

Mir wurde schlecht. Melvin war definitiv ein Verrückter.

„Willst du einen Zug?“ Er reichte mir seinen Joint. Ich winkte ab. Ich hätte mich sonst übergeben müssen.

„Verstehst du, ich habe bei ihr bleiben müssen, bis sich die Seele lösen konnte. Sie hatte ihr ganzes verschissenes Leben lang Mühe, loszulassen. Sie hat sich immer an irgendetwas geklammert. Zuerst an mich und am Ende an ihren stinkenden Körper.“

„Ach verdammt“, sagte er und schmiss den halb gerauchten Joint ins Gras. „Clarissa!“, schrie er aufs Feld hinaus. Der Bauer auf seinem Traktor dreht kurz den Kopf in unsere Richtung. „Clarissa, du dumme Kuh.“ Dann wurde er wieder ruhig, sank in sich zusammen und murmelte. “Diese verdammten Weiber.“

Kein Wunder ist er schwul geworden, dachte ich. Doch entweder konnte er Gedanken lesen oder ich hatte es unbewusst laut gesagt. Melvin drehte sich zu mir und sagte:

„Schwul war ich schon immer. Das ist angeboren, weißt du. Manche stecken einfach im falschen Film.“

„Trotzdem warst du mit Clarissa zusammen:“

„Ja, sie war meine beste Freundin.“ Dann machte er eine Pause, als versuche er sich zu erinnern. „Sie war zwar strunzhässlich, aber sie hat gut gevögelt, verstehst du?“

Das verstand ich nicht. War Melvin nun schwul oder was? Er musste mein Unverständnis in meinem Gesicht gelesen haben, denn er fügte hinzu:

„Je hässlicher eine Frau, desto besser der Sex. Hübsche Puppen müssen sich keine Mühe geben.“

„Alle Frauen sind schön“, protestierte ich. „Es gibt keine hässlichen.“

„Außer das Leben mache sie hässlich“, sagte Melvin.

An diesem Tag, begann ich zu ahnen, wie schonungslos verrückt Melvin war – und wie verbittert. Ich sollte mich nicht täuschen. Euer Traumperlentaucher

Melvin

Ich hatte gerade einen wunderschönen Parasolpilz entdeckt, da stand er plötzlich da, mitten in der Lichtung. Ich hatte ihn nicht kommen sehen und auch nicht gehört.

„Schöne Pilze, viele schöne Pilze“, sagte er, und deutete auf die andere Seite der Lichtung. Dort hatte es einen ganzen Hexenring mit riesigen Parasolpilzen.

„Sie sind auch Sammler?“, fragte ich, etwas enttäuscht, meine Beute mit einem Unbekannten teilen zu müssen.

„Nein, ich bin Spaziergänger.“ Er sprach das Wort ganz langsam aus und betonte jede Silbe. Ein Verrückter mitten im Wald?

Ich bückte mich und drehte den Hut des Pilzes ab. Den Stiel ließ ich stehen, er war zu faserig. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er sich eine Zigarette ansteckte. Oder war es ein Joint? Ich wagte nicht, genauer hinzuschauen. Er machte keine Anstalten weiter zu gehen, sondern schaute mir zu, wie ich auf der anderen Seite der kleinen Lichtung die Pilze einsammelte.

„Möchtest du auch einen Zug?“

Ich schaute auf den Glimmstängel in seiner Hand, es war tatsächlich ein Joint, und überlegte mir, was ich tun sollte. Würde ich ihn mit einer Ablehnung verärgern? Andererseits konnten ein paar Züge nicht schaden. Ich hatte schon lange kein Gras mehr genossen.

Der Fremde setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm, ich setzte mich neben ihn.

„Ich habe Sie noch nie im Wald gesehen. Gehen Sie oft in dieser Gegend spazieren?“

Er reichte mir den Joint. „Ich bin neu hier, erst letzte Woche zugezogen.“ Das erklärte alles. Ich war beruhigt.

„Ich heiße Melvin, und du?“

„Anton.“ Ich hatte nichts dagegen andere Leute zu Duzen. Im Dorf war das üblich, zumindest unter den Gewöhnlichen. Nur die Großkopferten redete man mit Sie an und natürlich die Polizei, wenn sie sich mal zu und verirrte.

„Was tust du, wenn du keine Pilze sammelst?“ Das war eine schwierige Frage. Am liebsten hätte ich „Träumen“ gesagt.

„Allerlei, was gerade so ansteht. Ich bin pensioniert.“

„Pensioniert?“ staunte er. Du bist doch noch jung.“

„Du ja auch. Könntest in meinem Alter sein. Achtundsechziger?“

Er lächelte und nahm wieder einen tiefen Zug aus der Tüte. „Deine Augen täuschen dich, ich bin fünfunddreißig.“ Ich wäre beinahe vom Baumstamm gefallen. Er sah aus wie fünfundsechzig. Wirres, fast weißes Haar umrahmte ein verlebtes Gesicht mit dunklen Ringen um die Augen…Doch diese Augen. Sie zogen mich in ihren Bann. Sie waren hellbraun und hatte eine beinahe hypnotische Ausstrahlung.

„Du bist nicht schwul“, stellte er fest. Ich war indigniert und rückte unwillkürlich ein paar Zentimeter zur Seite. So viel Direktheit war mir doch etwas zuviel.

„Nein, ich stehe ausschließlich auf Frauen, auch wenn ich sie nicht verstehe.“ Ich versuchte ein Grinsen.

„Ich bin schwul“, sagte er.

„Und was machst du, wenn du nicht im Wald spazieren gehst?“, versuchte ich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Ich beobachte“, sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Ich beobachte die Welt.“

Gerne hätte ich ihn gefragt, wieso und ob er wirklich nichts anderes tat. Notabene in seinem jungen Alter. Doch getraute ich mich nicht. Stattdessen sagte ich: „Ich liebe es auch, die Welt zu beobachten. Wir leben in einer sehr interessanten Zeit.“

„Die Zeiten waren immer interessant.“

„Aber früher passierte doch viel weniger.“

„Die Bäume würden dir etwas anderes erzählen.“

„Sprichst du mit ihnen?“

„Immer, ihre Stimmen sind immer da. Darum mag ich den Wald.

Das war meine erste Begegnung mit Melvin und ich hatte auf dem Weg nach Hause das Gefühl, es würde in Zukunft noch viele geben. Ich sollte mich nicht täuschen.

Euer Traumperlentaucher