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Die Tränen der Göttin

Als sie über die Brücke schritt, weinte sie und fing ihre Tränen in einer Kristallschale auf. Sie war so schön, dass sich sogar der Pangolin nach ihr umdrehte, der mit seinem Schwanz am Brückengeländer hing.

„Sie kommt direkt aus dem Paradies“, bemerkte der Gesichtslose an meiner Seite. Nach Wochen voller Geisterträume war ich ihm endlich wieder begegnet. Und natürlich standen wir zusammen am großen Fluss.

„Sie hat wunderschöne Augen“, bemerkte ich. „Ich habe noch nie so schöne Augen gesehen.“

„Sie ist eine Göttin.“

Draußen auf dem Fluss, keinen Steinwurf entfernt, zog eine Barke durch die leichten Nebelschwaden. Ein kleiner Junge mit einer Angelrute saß an ihrem hinteren Ende. Ich konnte mich nicht erinnern, hier jemals einen Fischer gesehen zu haben. Wolkenhändler, Flusspriester und Treibgutsammler waren die häufigsten Reisenden auf dem Fluss, abgesehen von den vielen Schwimmern – aber die zählten nicht. Kaum einer beachtete sie. Höchstens dann, wenn einer von ihnen gegen den Strom schwamm.

„Was fischt der Junge?“, wollte ich gerade meinen Traumbegleiter fragen. Doch dazu kam ich nicht mehr. Die Göttin auf der Brücke wandte sich dem jungen Fischer zu. Der Junge sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Die Luft schien zu knistern, es ging etwas Magisches von dieser visuellen Begegnung aus.

„Sie kennen sich“, entfuhr es mir.

„Ja, sie war seine Göttin.“

„Ist sie es denn nicht mehr?“

„Nein, ihre Zeit liegt weit oben am Fluss, bei den Mahlströmen des Vergessens.“

Ein Märchen dachte ich.

Als die Barke die Brücke unterquerte, hob die Göttin ihre Tränenschale und goss deren Inhalt in das Boot. Kristalltropfen schillerten im Licht der roten Abendsonne wie Rubine.

„Es ist ein Abschiedsgeschenk“, sagte der Gesichtslose.

„Ein seltsames Geschenk“, erwiderte ich. „Was kann man denn mit den Tränen einer Göttin schon anfangen?“

„Der junge Fischer wird sie als Köder benutzen.“

Das Märchen war futsch. Tränen als Köder, wie prosaisch. Ich hatte an eine eternelle Liebesgeschichte gedacht, an eine Verbindung zweier Seelen über Raum und Zeit hinweg. Von den Quellen des Flusses bis zu seiner unbestimmten Mündung. Aber Göttertränen als Köder!

„Wer beißt denn schon in eine Götterträne“, frotzelte ich.

„Die Hoffnungslosen, die Versunkenen und Vergessenen. All die, die das wunderbare Ufer nie gesehen haben, die glauben in einem trostlosen Ozean zu treiben, ohne Ziel und ohne Träume.“

„Dann muss dieser Junge ein Priester sein, sonst würde er nicht nach diesen armen Seelen fischen.“

„Nein, er ist kein Priester, er ist ein Bote. Ein Götterbote.“

„Dann bringt er den Hoffnungslosen eine Botschaft, anstatt nach ihnen zu angeln?“

„Die Götter weinen um euch und sie haben das Paradies verlassen um nach euch zu suchen, lautet die Botschaft.“ Der Gesichtslose hustete. Es war das Äquivalent eines feinen Lächelns.

„Der Fluss ist voller Rätsel und Wunder“, staunte ich.

„In der Tat. Darum ist er ein Traum.“

Auch in der Wirklichkeit übertreffen die Rätsel und Wunder die Erkenntnis bei weitem. Euer Traumperlentaucher

Bild: Frühling auf den Lofoten

Der kleine Planet

Vergangene Nacht hatte ich einen Traum, der sich radikal von allen Träumen unterschied, die ich bisher geträumt hatte.

Ich befand mich auf einem Miniplaneten in einem verrückten Kosmos. Nicht viel mehr als ein Felsbrocken, unbewohnt und leer, bis auf ein paar alte Bäume, die in den seltsamen Nachthimmel ragten. Trotzdem gab mir der kleine Planet, den man wohl zu Fuss in einigen Minuten umrunden konnte, das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, als wäre er ein lebendiges Wesen.

Der kleine Planet war nicht allein. In der Nähe konnte ich einige weitere Miniplaneten entdecken, einsame Inseln zwischen Sonnen und riesigen Gasplaneten. Der Weltraum um meinen kleinen Planeten war so dicht besiedelt, dass ich nicht ausmachen konnte, zu welchen Sonnen die vielen Himmelkörper gehörten. Alles schien um alles zu kreisen.

Doch das Verrückteste an diesem Kosmos waren die Fäden. Wie Schlangen wanden sie sich zwischen den Planeten und Sonnen hindurch. Eigentlich waren es keine Fäden, sie sahen aus der Ferne nur so aus. Einer von ihnen endete auf meinem kleinen Planeten. Aus der Nähe betrachtet, war es ein breites Band aus Stein, in dessen Mitte ein kleiner Fußpfad in den Kosmos hinaus führte. Eine Brücke zu den Sternen?

„Es ist wunderbar, nicht wahr?“, fragte in diesem Augenblick eine Stimme neben mir. Erstaunt wandte ich mich zur Seite und zu meiner großen Verblüffung sah ich in das Nichtgesicht des Gesichtslosen, in dem ein Bündel Zigaretten glimmten. Welch freudige Überraschung!

„Du bist zurück?“, entfuhr es mir.

„Den Flusstraum meisterst du allein, doch hier draußen brauchst du Gesellschaft“, antwortete er. Ein Gefühl von grenzenloser Erleichterung durchflutete mich.

„Wo sind wir?“, fragte ich meinen Traumbegleiter.

„Am Anfang eines Lebenswegs.“

„Dieser steinige Weg, der in die Weite des Weltalls hinaus führt, soll ein Lebensweg sein?“ Ein schrecklicher Verdacht drängte sich in meine Gedanken. „Ist es etwa mein eigener Lebensweg, den ich hier vor mir sehe?“

Der Gesichtslose hustete und als er sich erholt hatte, sagte er: „Ganz recht, es ist deiner. Hier hat alles begonnen. Siehst du wie stark er ist?“

In der Tat, breit und kräftig gebaut verließ das Felsenband den kleinen Planeten. Doch draußen, nicht weit weg, sah ich bereits eine dünne, bröckelige Stelle. Einige Steine hatten sich losgelöst und trieben neben dem Lebenspfad im All.

„Dort hat er aber bereits eine Schwachstelle.“

„Das ist nur eine von vielen. Weiter draußen ist vieles zusammengeflickt und durch provisorische Brücken verbunden. Ja, es gibt sogar Stellen, wo nur ein beherzter Sprung weiter führt.“

„Sollte ich jetzt nicht dort draußen sein und nicht hier, wo alles begann?“

„In Wirklichkeit bist du irgendwo dort drüben.“ Er zeigte mit der Hand auf eine Stelle im Kosmos. Erst jetzt fiel mir auf, dass dort eine dunkle Stelle war. Ein ungutes Gefühl schlich sich in mein Herz.

„Endet dort mein Lebensweg? Im Dunkeln, im Nichts?“

„Wo genau er endet, weiß ich nicht. Doch alle Wege, die du sehen kannst, mögen sie noch so verworren sein, enden dort im Nichts. Die dunkle Stelle, die du siehst, ist der Angelpunkt dieses Universums. Alle Himmelskörper drehen sich um dieses schwarze Loch.“

Ein schwarzes Loch! Mir wurde schwindelig.

„Dort soll alles zu Ende sein?“

„Das weiß niemand. Schwarze Löcher lassen nichts und niemanden entfliehen. Kein Licht, keine Nachricht und schon gar keine Menschenwesen.“

Jetzt, wo sich meine Augen an den chaotischen Kosmos gewöhnt hatten, fielen mir auch weitere Details auf.

„Was hat es mit den Bäumen auf sich, die ab und zu an meinem Lebenspfad stehen?“

„Es sind Begegnungen, mit anderen Menschen oder mit dir selbst.“

„Sollten sich in diesem Fall nicht zwei Wege kreuzen?“ mein technischer Verstand wollte es genau wissen. „Das wäre doch logisch!“

„Was logisch ist, muss nicht zwingend richtig sein. Siehst du die Blumen am Wegrand?“

Ja, bei genauer Betrachtung war das Felsenband mit meinem Lebensweg nicht kahl und öde. Ich konnte sogar eine weiße Lilie ausmachen.

„Es sind die Erinnerungen, die du zurück gelassen hast.“

„Zurück gelassen? Du meinst vergessen?“

„Die Erinnerungen verschönern zwar das Leben, allein das Vergessen macht es erträglich.“

Ob ich diesen Traum je vergessen werde? Ich wünsche euch viele wunderschöne Blumen auf eurem Lebensweg. Traumperlentaucher

Erinnerungen an einen Gesichtslosen

So oder ähnlich könnte der Titel eines Buches über meine Traumwanderungen mit dem Gesichtslosen lauten. Doch jetzt ist er weg. Ich müsse alleine weitergehen, meinte er.

Kürzlich war ich wieder im Flusstraum. Er wirkte steril und leer, als hätte man ihm seine Seele geraubt. Kein Priester oder Händler, der auf einem Floss trieb und seinen Glauben, Dienstleistungen oder Waren anpries. Nicht einmal Kraniche waren zu sehen und das Wasser floss still und leise ohne das übliche Rauschen und Gurgeln.

Ich wollte mich gerade auf einen angeschwemmten Baumstamm setzen, da tauchte unvermittelt eine Frau auf dem Uferpfad auf. Wenn ich jetzt an diese Begegnung zurückdenke, meine ich, dass sie sehr der Marianne glich, der ich in Armins Sanatorium begegnet war: Haare, schwarz wie die Nacht, porzellanweiße Haut, Stupsnase und grüne, unergründliche Augen.

„Die Ruhe vor dem Sturm“, sagte sie, ohne Vorstellung oder Begrüßung, als hätte sie schon stundenlang mit mir geplaudert.

„Der Traum ist leer, er hat alles mitgenommen“, sagte ich und dachte dabei an den Gesichtslosen.

„Nur die Trostlosen nehmen nichts mit. Wer nichts bringt, kann auch nichts mitnehmen, wenn er geht.“

Sie redete schlimmer als der Gesichtslose. Man musste sich seinen Reim selbst machen. Ob sie ein Ersatz für ihn war?

„Dann hat er also all das in meinen Traum gebracht was jetzt fehlt? Und ich? Was habe ich dazu beigetragen? Bloß die Kulisse, die er dann mit Leben gefüllt hat? Gehöre ich etwa zu den Trostlosen, von denen Sie sprechen?“

„Ich weiß nicht, zu welcher Kategorie Sie gehören: Kulissenbauer, Statist oder Spieler, oder …“

„Dies ist ein Traum und kein Spiel oder Schauspiel“, erwiderte ich trotzig. „Das Leben ist kein Spiel und Träume sind es noch viel weniger.“

„Das ist eine Frage des Standpunktes.“ Sie lächelte wie Mona Lisa und ihr Blick ging dabei geradewegs durch mich hindurch. Etwas berührte sanft meine Gedanken. Mich fröstelte. Diese Frau gehörte nicht in diesen Traum, spürte ich.

„Ich bin auf der Durchreise“, erklärte sie.

„Man reist hier normalerweise auf Flössen“, sagte ich und deutete auf den Fluss. „Meistens abwärts, nur wenige versuchen gegen den Strom zu schwimmen.“

„Ich bevorzuge den Uferweg. Schwimmen ist nicht mein Ding. Möchten Sie mich eine Weile begleiten?“ Wiederum spürte ich wie etwas meine Gedanken berührte. Ein unheimliches Gefühl beschlich mich. Trotzdem konnte ich nicht nein zusagen.

„Wird hier tatsächlich ein Sturm aufziehen?“, fragte ich, als wir auf dem Uferpfad unterwegs waren. „Der Himmel ist klar und der Wind schläft.“

„Wer schläft ist nicht tot“, erwiderte sie.

Das kann ja heiter werden. Euer Traumperlentaucher

Ein Abschied?

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Treffen mit dem Gesichtslosen. Er war anders als alle Traumgestalten, die ich bisher getroffen hatte. Nicht nur wegen seiner Gesichtslosigkeit. Auch andere Menschen waren gesichtslos, denen ich in meinen Träumen begegnete. Aber auch wenn sie gesichtslos waren, so kannte ich sie doch, oder wusste zumindest, dass ich sie kannte. Nicht so bei diesem Gesichtslosen. Er war ein völlig Unbekannter, so fremd, wie nur einer sein konnte, der aus einer anderen Welt stammte. Einer, der keine Verbindung zur Wirklichkeit hatte, einer der nur in den Träumen lebte.

Vorgestern traf ich ihn wieder unten am Fluss.

„Ich habe auf dich gewartet“, sprach mich der Gesichtslose an.

Etwas verkrampfte sich ihn mir. Es war nicht mein Magen oder ein anderes mehr oder weniger bekanntes Stück meines Körpers, es war vielmehr etwas in mir, das ich noch nicht kannte. Ein Traumorgan vielleicht. Ich war im höchsten Masse alarmiert.

„…du hast auf mich gewartet?“, fragte ich. „Wieso? Was willst du von mir?“

Er hustete, anstatt wir sofort zu antworten und ich fühlte mich von ihm gemustert. Ohne Zweifel, in diesem Nichtgesicht, hinter diesem blassen, verwaschenen Flecken, mussten zwei unsichtbare scharfe Augen sitzen, die mich beobachteten. Schließlich sagte er:

„Ich will nichts von dir, aber du willst etwas von mir.“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Er schwieg wieder eine Weile. Die Stille war kaum auszuhalten, sie war wie ein Schatten, der meine Gedanken verdunkelte.

„Ich kann nicht länger dein Traumbegleiter sein.“

Der Schock saß tief und eine Weile war ich unfähig darauf zu antworten. Als meine Gedanken wieder klarer wurden, sagte ich:

„Du hast mich gut durch die Traumwelten geführt und warst immer ein gern lieber Begleiter, wieso lässt du mich jetzt alleine ziehen? Mit dir habe ich mich nie im Labyrinth der Träume verloren und bin immer wieder in der Wirklichkeit aufgewacht.“

„Aufgewacht bist du wohl. Doch warst du immer sicher, in der Wirklichkeit aufzuwachen? In der richtigen Wirklichkeit, in deiner eigenen und nicht in einer von unzähligen anderen? Und woher willst du wissen, dass du nicht einfach vom einen Traum in den anderen gegangen bist und dein Aufwachen nichts als Illusion war?“

Diese Fragen hatte ich mir schon selbst gestellt. Ein unheimliches Gefühl beschlich mich. Dieser Traum war kein gewöhnlicher, vielleicht gar nicht mein eigener. Es wurde höchste Zeit, aufzuwachen. Ich konzentrierte mich, dachte an mein Schlafzimmer, an meine Katze, die sicher bereits auf ihr Futter wartete und mir deswegen schon bald in den großen Zeh beißen würde. Ich schlug die Augen auf.

Nichts geschah, der Gesichtlose war immer noch da, genauso wie der breite Fluss, der sich unergründlich dunkel und träge einem Meer im Nirgendwo zuwälzte.

„Du kannst noch nicht aufwachen“, sagte der Gesichtslose. „Denn du hast noch nicht akzeptiert, in Zukunft alleine unterwegs zu sein.“

Er hatte Recht. Ich hatte diese Nachricht verdrängt. Genauso wie die Katzen nicht wahrnehmen wollten, was ihnen nicht in den Kram passte.

Ich setzte mich konsterniert ins Gras der Uferböschung. Der Gesichtslose setzte sich wie selbstverständlich neben mich. Ich bemerkte, dass er Jeans und Sandalen trug. Seine nackten Füße sahen aus wie die meinen. Also doch ein Teil von mir? Geboren aus meinem Unterbewusstsein? Meine Gedanken begannen sich wieder zu verknoten.

Der Gesichtslose kramte in seiner braunen, abgewetzten Jacke und zog eine Packung Zigaretten hervor. Ich schaute ihm zu, wie er sich drei Zigaretten aufs Mal in sein Nichtgesicht steckte und wie sie sofort zu glimmen anfingen. Hatte er nicht vor einiger Zeit das Rauchen aufgegeben? Immerhin steckte er sich nicht mehr die ganze Packung in den Mund.

„Ich bin Parallelraucher“, sagte er, als wüsste ich das nicht. „Es ist intensiver und weniger anstrengend als das Kettenrauchen.“

Ich blickte auf seine Hände. Wie sehr sie doch meinen ähnelten.

„Ich kann nicht mit dir kommen. Dein Leben gehört der Wirklichkeit und wenn ich dich weiter begleite, entfernst du dich immer mehr von ihr, bis du eines Tages nicht mehr zurückfindest.“

„Du bist nichts als eine Traumgestalt und sobald ich aufwache, hörst du auf zu existieren.“ Ich sagte es wie eine Beschwörungsformel, in der heimlichen Hoffnung, dass er sich samt dem Fluss in Nichts auflösen würde. Ich wollte zurück in meine Welt.

Meine Welt?

Er zuckte die Schultern und sog unbeeindruckt an seinen Zigaretten. Aus seinem Nichtsgesicht löste sich ein großer Rauchkringel und trieb über den Fluss. Er schien nicht vergehen zu wollen. Ob er das andere Ufer erreichen würde?

„Wirst du mich ein letztes Mal begleiten?“, fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.

„Ja, wohin du auch willst. Hier am Fluss oder oben in den Bergen. Es ist dein Traum. Doch morgen werde ich nicht mehr da sein.“

„Ich möchte, dass du mich in die Wirklichkeit begleitest.“

Ich spürte einen leichten Schmerz in meinem rechten großen Zeh. Meine Katze, dieser fette nimmersatte Psychokater, hatte mich gebissen. Mit einem sanften Fusstritt beförderte ich ihn aus dem Bett.

Die Wirklichkeit schien mir an diesem Morgen so konkret wie immer. Misstrauisch beobachtete ich die Katze beim Fressen. Der Hund des Nachbarn bellte wie immer, und auch der Regen war so nass, wie er sein sollte. Ob ich dem Gesichtslosen nächste Nacht tatsächlich nicht mehr begegnen würde? Ob er in meinem Traum weiter existierten würde, wenn ich ihm nie mehr begegnete? Was er wohl den ganzen Tag über tat, wenn ich mich im Geschäft in die Buchhaltung vertiefte?

„Buchhaltung?“ Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Wirklichkeit. Ich war doch kein Buchhalter. Oder war ich immer einer gewesen, ohne es zu wissen? Und überhaupt: sollte es nicht Winter sein? Verwirrt starrte ich auf die Kühe auf dem Feld mit den blühenden Kirschbäumen jenseits des Gartens.

„Gefällt dir diese Wirklichkeit“, hörte ich eine Stimme aus der Küche.

Der Papagei draußen lebt immer noch und seine Stimme ist auch nicht erkältet. Der Winter scheint ihm in dieser Wirklichkeit zu gefallen. Euer Traumperlentaucher

IDENTITÄTSKRISE

Der Fluss glitzerte in der Morgensonne, ein warmer Wind strich gegen den Strom und kräuselte das Wasser. Die Weiden neben dem Uferpfad badeten ihre Zweige und draußen zog ein einsames Floss vorüber. Es schien keinen Kapitän zu haben, nur eine einzelne Holzkiste stand auf den zusammengebundenen Stämmen. „Morgen“, stand groß in roten Lettern darauf. Eine Botschaft? Verwirrt schaute ich mich um. Ich befand mich immer noch, oder schon wieder, in meinem Flusstraum. Wie üblich stand ich am rechten Ufer an einem Abschnitt, der mir gut vertraut war. Ich kannte hier jeden Baum und jeden Stein, dieser Ort war mein Startpunkt oder besser gesagt mein Standpunkt, wenn ich diesen Traum betrat.

Vom Gesichtslosen war weit und breit nichts zu sehen. Niemand wandelte auf dem Uferpfad, nur zwei Eichhörnchen zankten sich um eine Nuss. Wo war mein Traumbegleiter geblieben? Hatte ich vorhin nicht den Geruch von Zigaretten wahrgenommen und sein Husten gehört? Ich  kletterte die Böschung hoch. Aber auch hier oben, auf dem schmalen Pfad aus festgetretener Erde, war niemand zu sehen. Gott sei Dank, dachte ich, nun bin ich den unheimlichen Kerl los. Ich, Anselm Berger, der Träumer.

In manchen Träumen war ich selbst auf einem Floss unterwegs gewesen. An anderen Tagen wie heute, musste ich aber zu Fuß gehen. Doch wohin ging ich überhaupt? Wohin sollte ich mich wenden? Ich war unschlüssig, hatte meinen Elan verloren. Mein Leben war ruiniert. Die Wirklichkeit, die jenseits des Traums auf mich wartete, schien mir nicht mehr lebenswert. Am liebsten wäre ich hier geblieben. Doch leider war dies nur ein Traum und aus Träumen musste man ab und zu aufwachen, ob man wollte oder nicht.

Normalerweise ging ich immer flussabwärts, aber eigentlich spielte es keine Rolle, ich kam sowieso nie vorwärts und auch nach langen Märschen traf ich immer wieder auf die gleichen Stellen. Ich hatte mich damit abgefunden, weder die Quelle noch das Meer zu erreichen. Der Weg war wichtig, nicht das Ziel, redete ich mir ein.

So marschierte ich denn los, diesmal mit dem Strom, um meinen trüben Gedanken zu entkommen, die ich flussaufwärts vermutete. Doch nach wenigen Schritten holten sie mich bereits ein. Wie hatte es nur soweit kommen können? Was war aus mir geworden? „Es war der Unfall, er hat mein Leben aus der Bahn geworfen“, redete ich mir zu. Hätte mich dieser Armleuchter von Automobilist nicht über den Haufen gefahren, so würde ich heute nicht träumen, sondern mein ruhiges Leben zwischen Job und Familie leben. Irgendetwas musste durch den Aufprall in meinem Kopf durcheinander geraten sein. Schon in der ersten Nacht im Krankenhaus hatte mich ein Traum heimgesucht, wie ich ihn nur als Kind gehabt hatte. Und dann war ich immer mehr in diese Traumwelt hineingeraten. Mit der Zeit wurden die Träume zu einer Art Droge. Ich konnte ohne sie nicht mehr leben. Den ganzen Tag über wartete ich nur darauf, dass es endlich Abend würde und ich einschlafen konnte. Weg von meinen Problemen, weg von Familie und Job, hinein in eine Welt, die vollständig mir gehörte. Nur mir allein! Anselm Bergers Refugium.

Kaum hatte ich ein paar Schritte getan, befand ich mich wieder auf einer Parkbank in der Stadt. Wie kam es nur, dass mich der Flusstraum so abrupt verstieß?

„Du bist immer noch auf der Flucht“, hörte ich in diesem Augenblick eine Stimme hinter mir und dann roch es wieder nach Zigarettenrauch. Ich drehte mich erschrocken um, vor mir stand der Gesichtslose.

„Nein, ich träume“, versuchte ich mich hinauszuwinden.

„Auf einer Parkbank am helllichten Tag.“

Was wollte der Kerl von mir? Was ging ihn mein Leben an? Ich durfte doch träumen wann und wo ich wollte, ärgerte ich mich. Und überhaupt! Dies war die Wirklichkeit, hier hatte er nichts zu suchen. Oder war es etwa auch ein Traum, wie mein ganzes verschissenes kleines Leben?

„Wohin soll es denn gehen, Traumperlentaucher?“, fragte er.

„Ich bin kein Traumperlentaucher, ich heiße Anselm, das solltest du doch wissen. Wo ich hingehe und was ich tue ist meine Sache, ich brauche dich nicht. Ich will keinen Traumbegleiter, hast du das noch nicht kapiert?“

Bei diesen Worten wurde sein Nichtgesicht noch undeutlicher als sonst und die Umrisse seines Körpers begannen zu verschwimmen. Er löste sich in Nichts auf. Wie betäubt saß ich auf der Bank, bis ich realisierte, dass es in der Zwischenzeit dunkel geworden war. Die Fenster der Bürogebäude auf der gegenüberliegenden Seite waren hell erleuchtet und ab und zu sah ich darin Menschen herumwuseln. Wie Schattenameisen in einem Albtraum. Ich schlotterte, es war kalt. Nebelschwaden krochen durch den Stadtpark. Wohin sollte ich nun gehen? Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich obdachlos war. Schlimmer noch, ich war heimatlos. Die Wirklichkeit war nicht mehr meine Welt und die Träume verfolgten mich.

„Verdammt“, fluchte ich laut, „ich kann doch nicht wie ein Penner auf einer Bank übernachten.“ Ich zog meine Brieftasche aus dem Jackett und zählte die Geldscheine. Für ein Hotelzimmer würde es reichen. Außerdem hatte ich ja noch eine Kreditkarte. Die Limite war fast ausgeschöpft, aber wenn es mir gelang, damit die Übernachtung zu bezahlen, konnte ich mein Bargeld schonen.

Ich erhob mich und ging hinüber zur Straße. Es waren nicht mehr viele Menschen unterwegs in dieser Beton- und Bürowüste, die meisten waren schon nach Hause gegangen oder ins Stadtzentrum mit seinen Bars und Restaurants. Bei diesem Gedanken knurrte mein Magen. Wie lange ich wohl als Vagabund überleben konnte?

„Sie kann mich doch nicht einfach so abschieben“, sagte ich zu mir. „Einfach so mir nichts dir nichts vor die Tür setzen. Es gibt bestimmt ein Gesetz, das dies verbietet.“ Natürlich hatten wir uns am Morgen gestritten und natürlich war ich nicht ganz mich selbst gewesen, nachdem ich die Mitteilung über den Tod meines Vaters erhalten hatte, und ich hatte einige böse Dinge gesagt, aber das gab ihr noch lange nicht das Recht, einfach zu sagen: „Du brauchst heute Abend nicht mehr nach Hause zu kommen. Es ist aus zwischen uns, ich werde mich scheiden lassen.“ Nein, so einfach konnte das nicht sein. Ich würde nach Hause gehen und meinetwegen im Wohnzimmer auf der Couch schlafen. Sie musste mich hereinlassen, das musste sie.

„Wohin soll es denn gehen?“, fragte jemand in der Nähe. Ich schaute mich betroffen um. An der Ecke des Kiosks, an dem ich gerade vorbei ging, stand eine Gestalt in einen langen dunklen Mantel gehüllt, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Ein Mönch? Ein Räuber? Nein, begriff ich, der Gesichtslose! Schon wieder! Was zum Henker hatte er hier zu suchen, regte ich mich auf. Dies war die Realität, meine Realität. Wieso verfolgte er mich wie ein Stalker? Rasch ging ich weiter.

„Wir sollten flussaufwärts gehen“, rief er mir nach. „Oben bei den Quellen wirst du finden was du suchst.“

„Ich suche nichts“, rief ich zurück. „Und du hast hier nichts zu suchen. Dies ist kein Traum.“

„Doch, du suchst dich! Und du suchst den richtigen Traum.“

Die Zufahrt zum Innenhof, wo ich mein Fahrrad gelassen hatte, war versperrt. Ich musste den Bus nehmen. Während der Fahrt fuhren meine Gedanken im Kreis herum. Heute hatte sich mein Leben auf einen Schlag verändert. Was würde nun aus mir werden? Würde ich einen neuen Job finden, ein neues Zuhause, ein neues Leben? Konnte ich einen Neubeginn überhaupt schaffen ohne genügend Geld? Ersparnisse hatte ich keine, ohne Lohn auf dem Konto am Ende des Monats war ich aufgeschmissen. Doch das galt auch für meine Familie. Maria konnte unmöglich mit ihrem kleinen Einkommen die Wohnung bezahlen und die Kinder durchs Leben bringen.

„Sie wird mich wieder nehmen müssen“, murmelte ich, zufrieden über diese Erkenntnis.

In der hintersten Ecke des Busses hustete ein Passagier wie ein Stumpendreher, ich konnte sein Gesicht nicht sehen, es wirkte verschwommen.

Angst stieg in mir hoch. Sollte ich die Polizei rufen und ihr sagen, dass ich von einem gesichtslosen Stalker verfolgt würde? Würden sie mir glauben oder mich womöglich schnurstracks in ein Sanatorium für Geistesgestörte einliefern. Sanatorium? Dieser Name ließ eine Seite in mir anklingen. Nein, ich musste den Verfolger aus dem Flusstraum selbst abschütteln. Ich versuchte den Gesichtslosen zu ignorieren. Noch drei Haltestellen. Es roch nach Zigarettenrauch. Dabei war doch das Rauchen im Bus strikte verboten! Mein Verfolger schien sich an keine Regeln zu halten. Ob ich den Buschauffeur darauf aufmerksam machen sollte? Vielleicht würde er ihn rauswerfen. Endlich hielt der Bus an dem Ort, an dem ich aussteigen musste. Es war nicht mehr weit bis zu meiner Wohnung. Ich ging, so rasch ich konnte, den Weg zwischen den Wohnblöcken durch, fast wäre ich gerannt.

„Familie Dornbusch“, stand auf dem Täfelchen neben der Tür. Das war unmöglich. Ich schaute mich um. Hatte ich mich getäuscht? War dies das falsche Haus? Hatte meine Frau bereits den Namen gewechselt? Panik schlich in mein Herz, es raste. Was nun?

„Und jetzt, wohin soll es denn gehen?“, fragte eine Stimme aus dem Dunkel des Korridors. Meine Hände begannen unkontrolliert zu zittern.

„Wo ist meine Familie?“, schrie ich den Schwarzgekleideten an, der lässig an den Briefkästen lehnte, den Hut tief ins Gesicht gezogen,.

„Dies hier ist nicht die Wirklichkeit, es ist ein Traum, in den du dich verirrt hast. Und es ist nicht einmal dein Traum, sondern Anselm Bergers Traum. Komm mit mir, wir gehen zurück zum Fluss.“

„Ich bin Anselm Berger und ich will nicht zum Fluss, ich will nach Hause!“ Tränen schossen mir in die Augen und vernebelten die Briefkästen und den Gesichtslosen.

„Beruhige dich, du machst ja alles noch schlimmer.“

„Noch schlimmer kann es gar nicht werden. Ich habe heute meinen Job verloren, meine Familie hat mich rausgeworfen und mein Vater ist gestorben.“

„Das warst doch nicht du. Es war Anselm, der seinen Job verloren hat, den er übrigens gehasst hatte und es war Anselm, der seine Frau verloren hat, die er nie richtig gekannt hatte, gar nicht zu reden von seinen Töchtern, um die er sich nie gekümmert hat. Und das mit dem Vater betrifft auch nicht dich, deiner ist schon lange tot und spielt Schach zwischen den Sternen. Willst du dich darüber beschweren?“

„Es ist nicht gerecht“, schrie ich. Außerdem können sie nicht ohne mich leben. Sie haben zuwenig Geld.

„Dein Geld brauchen sie nicht. Sie brauchen überhaupt kein Geld. Anselms Liebe hätten sie gebraucht. Genauso wie sein Vater, den er im Stich gelassen hat.“

„Ich habe ihn nicht im Stich gelassen, er hat mir immer Moralpredigten gehalten, wenn ich ihn besuchte. Und beim letzten Mal hat er mich gar nicht mehr erkannt. Darum bin ich nicht mehr hingegangen.“

„Ich sage es noch einmal. Du hast eine Identitätskrise. Du bist nicht Anselm. Komm, lass uns einige Schritte zusammen gehen und darüber nachdenken.“

„Wozu und wohin?“, fragte ich.

„Flussaufwärts natürlich.“

Die Briefkästen lösten sich auf und machten dem Uferweg Platz, der Gesichtslose stieg durch die Lücke in der Mauer und ich folgte ihm. Was sollte ich sonst tun. In dieser Welt stimmte nichts mehr. Vielleicht war sie ein Traum, vielleicht eine fremde Wirklichkeit. Der Gesichtslose und mein Flusstraum waren die einzigen Anhaltspunkte, die mir geblieben waren.

Wenn die Schatten kommen, verschiebt sich die Wirklichkeit und die Träume bekommen Risse. Euer Traumperlentaucher?

Maria, der Maschinist und die Priester

„Sie möchten ein Zimmer?“ Die kleine Frau in der grauen Uniform schien aus dem Nichts zu kommen.

„…Ja, für eine Nacht…vielleicht auch für zwei…je nach dem…“

Sie nickte verständnisvoll.

„Im zweiten Stock ist ein Zimmer frei. Nummer 214.“

„Ja, natürlich, vielen Dank.“ Sie reichte mir den Schlüssel.

„Gleich gegenüber ist der Aufzug. Eine gute Nacht, Herr Berger.“

Berger? Ich hieß doch nicht Berger! Und überhaupt: musste ich denn kein Formular ausfüllen? Nirgendwo unterschreiben? Ich wunderte mich, dass die Frau nicht einmal einen Abzug meiner Kreditkarte verlangte. Dann betrat ich den Aufzug, er setzte sich von selbst in Bewegung.

Das Zimmer sah so aus wie die Lobby des Hotels, die Decke des Betts war schmuddelig, die Tapete an den Wänden war zerlöchert und eingerissen. Einen Fernseher oder gar eine Minibar konnte ich nirgends entdecken. Dafür stand ein Telefon auf dem alten Nachttischmöbel. Ich griff zum Hörer. Maria war sicher zu Hause. Maria war meine Frau. Heute morgen hatte ich mich im Streit von ihr getrennt. Sie wolle mich nie mehr sehen, hatte sie gesagt.

Vielleicht würde sie mit mir sprechen und ich konnte ihr alles erklären und wir würden uns versöhnen. Als ich fertig gewählt hatte, ertönte sofort das Rufzeichen. Ich versuchte mir das Gesicht von Maria ins Gedächtnis zu rufen. Aber ich konnte mich nicht an sie erinnern.

„Maria?“, rief ich ins Telefon, als am anderen Ende abgenommen wurde, „bitte leg nicht auf, ich bin es.“ Dabei weißt du selbst nicht wer du bist, flüsterten meine Gedanken.

„Nein, ich bin es“, antwortete eine sonore Männerstimme. Die Stimme meines Vaters! Mir lief es kalt den Rücken herunter. Das war unmöglich! Mein Vater war doch tot!

„Vater, du bist tot, lass mich in Ruhe!“, rief ich.

Ein heftiges Schnaufen ertönte aus dem Hörer.

„Du hast uns alle im Stich gelassen. Maria, die Kinder und mich. Anstatt dich um deine Familie zu kümmern, hast du dich in deine Träume geflüchtet.“

„Das ist nicht war, verdammt noch mal. Das weißt du doch. Es war der Unfall. Ich habe mein Leben lang nicht geträumt, bis zu dem Unfall.“ Die Worte sprudelten von selbst aus mir heraus. An einen Unfall konnte ich mich nicht mehr erinnern.

„Du warst schon immer ein Träumer, doch du wolltest nichts davon wissen, du hast deine Träume verdrängt. Nun hast du uns alle ins Unglück gestürzt.“

Mir schwirrte der Kopf. War mein Vater etwa nicht tot? Hatte ich das nur geträumt? Träumte ich jetzt? Wo war Maria mit den Kindern? Und wer war Maria?  Warum hatte ich Kinder mit ihr? Ohne zu antworten legte ich den Hörer auf und ließ mich auf das Bett fallen. Die Zimmerdecke wirkte bedrohlich nahe und die Wände krochen näher, wenn ich kurz die Augen schloss. Hier konnte ich nicht bleiben, ich musste raus. Lieber wollte ich im Park auf einer Bank übernachten. Da draußen war doch ein Park, oder nicht?

Ich wollte meine Beine über den Bettrand schwingen, doch wie gelähmt blieb ich liegen. Kein Muskel ließ sich bewegen. Mein Körper gehorchte mir nicht. Entsetzt starrte ich auf die näherkommenden Wände und die Decke. Ein Film, ein Scherz, versteckte Kamera, flüsterten meine Gedanken fragend.

Das hier war kein gewöhnliches Hotel, ich hätte es wissen müssen. Die Frau in ihrer komischen Uniform am Empfang, die bereits meinen Namen wusste, auch wenn es der falsche war, die vergammelte Lobby, der Aufzug, der von selbst fuhr. “Stopp”, rief ich. “Es ist bloß ein Traum.” Doch es half nichts.

Als die Wände mein Bett erreichten und die Decke die Lampe auf dem Nachttisch berührte, öffnete sich die Tür des Schranks in der linken Ecke. Ein kleiner Mann trat heraus, er hatte eine Glatze und einen Vollbart, trug ein bunt kariertes Hemd und blaue Plüschhosen. Seine nackten Füße steckten in Filzpantoffeln.

Ein Clown? Hatte er sich die ganze Zeit im Schrank versteckt? „Du bist verrückt“, murmelte ich zu mir selbst und schloss die Augen. Vielleicht würde der ganze Spuk von selbst verschwinden.

„Ich bin der Maschinist“, sagte der Kleine.

Ich riss die Augen auf und starrte meinen Besucher an. Decke und Wände waren zum Stillstand gekommen, stellte ich erleichtert fest.

„Dann bist du für die Deformation meines Zimmers verantwortlich?“

Er grinste frech.

„Ja, ich wollte dir einen Schrecken einjagen. Du bist ziemlich ängstlich, weißt du.

Ich fand das gar nicht lustig. Nicht nur den Scherz mit dem Zimmer, das mich zerquetschen wollte, sondern auch seine invasive, freche Art. Ebenso die Sache mit Maria, ihren Kindern und dem Vater.

„Und? Wie geht es jetzt weiter, nachdem du mich erschreckt hast? Was willst du von mir? Ich möchte raus aus diesem Traum. Es ist nicht meiner. Er gehört einem Berger, der sich mit seiner Maria verkracht hat und deswegen im Hotel übernachten muss.“

„Doch, dies ist dein Traum. Was kann ich dafür, wenn du ein komisches Hotel träumst und dich Berger nennst.“ Seine grünen Augen blitzten und er kicherte.

Das Zimmer hatte sich in der Zwischenzeit wieder „normalisiert“, Wände und Decke waren wieder dort, wo sie sein sollten. Gab es denn keine Möglichkeit aufzuwachen? Hatte ich mich derart in meine Traumwelten verstrickt, dass ich sogar fremde Träume träumte?

„Benutze deinen Geist, es ist das Einzige auf das du dich verlassen kannst.“

Ich musste unwillkürlich lachen. Gerade mein Geist hatte mir bisher die tollsten Streiche gespielt. Einen unzuverlässigeren Kumpanen konnte ich mir nicht vorstellen.

„Eben nicht, es ist gerade mein Geist, der dieses Traumlabyrinth konstruiert hat, aus dem ich keinen Ausweg finde und das so seltsame Gestalten wie dich beherbergt.“

Die Augen des Kleinen glänzten. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.

Eine große Müdigkeit überkam mich und ich schlief augenblicklich ein.

„Ich kann doch im Traum nicht einschlafen“, war mein letzter Gedanke, bevor mich die Müdigkeit fort trug.

Als ich aufwachte, stand ich am Ufer des Flusses. „Aufwachen“ ist natürlich der falsche Ausdruck. Die wohlbekannte Flussszene machte mir bewusst, dass ich immer noch träumte. Gerade noch, so schien es mir, war ich in dem seltsamen Hotel eingeschlafen und jetzt stand ich wieder hier in meinem Lieblingstraum. Die Müdigkeit war wie weggewischt, ich war hellwach.

Doch wo war der Gesichtslose? Ich konnte ihn nirgends entdecken und schlenderte unentschlossen auf dem Uferweg flussaufwärts. Niemand war auf dem Fluss unterwegs, keine Schwimmer, keine Flösse, und das andere Ufer war im Dunst, der über dem Wasser hing, kaum zu erkennen. Nur zwei Kraniche flogen im Zickzack übers Wasser und philosophierten laut über den besten Fisch. Ich musste lachen. Schön, dass mein Flusstraum eine Prise Humor behalten hatte.

„Du scheinst dich zu amüsieren?“ Der kleine Maschinist, der wie ein Clown aussah, saß am Ufer und ließ seine Füße ins Wasser baumeln. Die Filzpantoffeln lagen neben ihm im Gras. Ich war überzeugt, dass er vor einem Augenblick noch nicht dagewesen war. Doch so waren Träume: Man sehnte sich nach Gesellschaft und wusch war sie da.

„Ja, es ist immer wieder interessant zu sehen und zu hören, was mein Unterbewusstsein hervorbringt.“

Der Kleine verzog das Gesicht und malte mit den Füßen Kreise ins Wasser.

„Im Gegensatz zu dem lausigen Hotel ist dieser Fluss nicht dein Traum. Dein Unterbewusstsein hat also gar nichts mit dem zu tun, was hier geschieht, du bist hier nur zu Gast.“

„Das kannst du mir nicht weismachen. Im Gegenteil, dies hier ist mein Traum, das Hotel war Bergers Traum. Ich war schon viel zu oft hier und die Tatsache, dass du vom Hoteltraum in den Flusstraum gewechselt bist, zeigt mir, dass du eine Traumgestalt bist. Wenn ich aufhöre zu träumen, endet auch deine Existenz.“

„Dann versuch es doch!“ Der Kleine reckte mir herausfordernd sein Kinn entgegen.

Ich schluckte leer. Zurzeit war es für mich unmöglich aufzuwachen. Ich war in meinen Träumen gefangen und irrte vom einen zum anderen.

„Hallo ihr beiden?“ Der Gesichtslose tauchte aus dem Nichts auf und setzte sich wie selbstverständlich neben den kleinen Maschinisten. Jetzt fehlt nur noch Maria, dachte ich in einem Anflug von Galgenhumor.

„Maria werden wir später wieder einholen. Sie ist vorausgegangen“, meinte der Gesichtslose. Der Kleine kicherte.

„Eine richtige Traumfrau“, ergänzte der Gesichtslose.

Ich setzte mich neben die Beiden ans Ufer. Was sollte ich sonst tun. Die Kontrolle über meine Träume war mir entglitten. Und schon wieder überkam mich eine unwiderstehliche Müdigkeit.

Ich musste eingenickt sein, in der Zwischenzeit war es dunkel geworden. Der Gesichtslose und der Kleine saßen immer noch neben mir. Sie unterhielten sich leise in einer mir unbekannten Sprache. Draußen auf dem Fluss tanzten die Irrlichter durch die Nebelschwaden. Der Fluss gurgelte und plätscherte und in der Ferne waren ein paar Frösche zu hören. Da ertönte plötzlich ein fürchterliches Gebrüll. Ich zuckte zusammen.

„Keine Sorge, es ist bloß der Mitternachtspriester. Er treibt um diese Zeit immer vorbei“, beruhigte mich der Gesichtslose.

Der Priester brüllte sich die Seele aus dem Leib, doch kein einziges Irrlicht nahm von ihm Notiz, geschweige denn einer der anderen Schwimmer, die mit ihm zusammen aufgetaucht waren.

„Ist er jede Nacht so laut?“, wollte ich wissen.

„Ja, und er ist nicht der einzige. Gestern lief kurz nach ihm ein grüner Missionar übers Wasser und brabbelte ununterbrochen vom Wandel der Gezeiten.“

„Das ist normal“, meinte der kleine Maschinist, „das Leben auf dem Fluss wandelt sich beständig, jeder Tag bringt neue Strömungen und Wirbel hervor und wir sehen nie das gleiche Ufer.“

„Doch der Fluss bleibt immer der Gleiche.“ Der Gesichtslose hustete. Manchmal ist er ein wenig wilder oder er erscheint uns dunkler und bedrohlicher. Doch schon ein paar Stunden später ist er wieder lieblich und friedlich.“

„Aber das Ufer wandelt sich nie“, warf ich ein.

„Das ist bloß Illusion, es gibt kein Ufer, der Fluss des Lebens ist so breit wie er lang ist: unendlich.“

„Das kann nicht sein“, protestierte ich, „die Breite ist doch gleichbedeutend mit den schmalen Grenzen, zwischen denen sich unser Leben bewegt.“

Der Gesichtslose steckte sich drei Zigaretten gleichzeitig in den nicht vorhandenen Mund und machte mit Zeigefinger und Daumen Feuer. Doch die Zigaretten entpuppten sich als Silvesterknaller und er spuckte sie ins Wasser, bevor sie explodierten. Es machte dreimal ‘Blubb’ und dann tauchte an der gleichen Stelle unvermittelt ein brauner Priester auf. Er schwamm direkt auf uns zu.

„Halt“, rief er. „Hört mir zu. Es gibt nur einen Gott und der ist braun.“

„Blödmann“, entgegnete der Gesichtslose und hieb dem Priester mit einem Stück Treibholz auf den Kopf, dass die Irrlichter zuckten.

„Wieso tust du das?“, fragte ich und sah entsetzt wie der Braune wieder im dunklen Wasser verschwand.

„Wenn jemand versucht, einen anderen von seinem Glauben zu überzeugen, dann versucht er nur sich selbst zu überzeugen.“ Der Gesichtslose hustete wie ein kranker Motor.

„Aber keine Sorge, er wird wieder auftauchen. Vielleicht in einer anderen Farbe und vielleicht ist sein Gott dann rot.“

Der Kleine kicherte.

Ich mag keine Priester. Euer Traumperlentaucher

Bild von JoJo

DIE BRÜCKE

Eine Brücke! Ich hatte noch nie eine Brücke gesehen, die den Fluss überspannte. Verwundert blieb ich stehen. Sie war aus feinem hellblauen Glas und verschwand in der Flussmitte im Morgennebel, der in dichten Schwaden flussabwärts trieb.

„Komm, wir gehen auf die andere Seite“, forderte ich meinen gesichtslosen Begleiter auf.

„Nicht so stürmisch. Du weißt ja gar nicht, ob sie wirklich auf die andere Seite führt.“

„Wo könnte sie denn sonst hinführen?“ Ich schüttelte den Kopf. Normalerweise war der Gesichtslose nicht so zurückhaltend.

„Auf eine Insel, zum Beispiel. Oder nach Nirgendwo oder Anderswo, oder in einen anderen Traum. Oder gar ins Nichts.“

„Dann probieren wir es doch einfach aus! Was ist schon dabei. Im schlimmsten Fall wache ich einfach auf.“

„Aha.“

„Ja, ich wache einfach aus meinem Traum auf und finde mich in der Wirklichkeit wieder. Gleich was uns am anderen Ende der Brücke erwartet.“

„Aha.“

Was zum Teufel war in den Gesichtslosen gefahren? So hatte ich ihn noch nie erlebt. Hatte er etwas Schlechtes gegessen? Aber ich wusste nicht einmal, ob Gesichtslose auch essen.

„Was ist los? Wieso bist du plötzlich so einsilbig? Ist dieses Brücke etwa verwunschen?“

„Es kommt ganz darauf an, was du daraus machst.“

Genauso kannte ich ihn! Nie eine klare Antwort, nur nebulöses Zeug, wenn es darauf ankam. Verärgert ließ ich ihn stehen und schritt zum Aufgang der Brücke. Sie war wunderschön, das Wasser spiegelte sich in ihrem filigranen Glas und ließ die Brücke fürs Auge mitfließen. Oben auf der Brücke angelangt schaute ich zurück ans Ufer. Der Gesichtslose stand immer noch am gleichen Ort. Was war bloß in ihn gefahren?

Als ich die ersten Nebelschwaden erreichte, zögerte ich. Was würde mich erwarten? Konnte mir wirklich nichts geschehen? Der Nebel war so dicht, dass ich vermeinte, ihn greifen zu können.

Ach was soll’s, dachte ich. Dies war eine einmalige Chance. Ein Aufbruch zu neuen Horizonten. Bevor ich weiterging schaute ich nochmals zum Gesichtslosen zurück. Obschon er kein Gesicht hatte, wirkte er irgendwie traurig.

Als hätte mir jemand einen Kübel kalten Wassers über den Kopf geleert, überkam mich die Erkenntnis. Wie hatte ich das nur übersehen können? Hatten mich die Brücke und ihr stilles Versprechen dermaßen in ihren Bann gezogen?

Wenn ich diese Brücke alleine überschritt, würde ich ihn für immer verlieren, wurde mir bewusst. Wie hatte ich nur so egoistisch handeln können. Mit raschen Schritten kehrte ich ans Ufer zurück.

Es gibt im Leben Brücken, die sollte man nie alleine überschreiten. Euer Traumperlentaucher

Bild von JoJo

DAS VORAUSEILENDE ECHO

Ob sich der Albtraum der Viererwelt klammheimlich davon gestohlen hat oder nur Pause macht, weiß ich nicht. Vergangene Nacht stand ich unerwartet wieder am Fluss. Sogar der Gesichtslose war da und er tat so, als wäre ich nie weg gewesen. Traumwesen haben eben eine andere Sicht der Dinge und der Zeit.

„Ich bin froh, wieder hier zu sein“, sagte ich zu meinem gesichtslosen Begleiter.

„Du warst nie weg“, entgegnete er.

„So war ich denn hier und drüben zugleich? Wie ist es möglich an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit zu träumen?“

„Es ist eine Eigenschaft des Traumraums. Ort und Zeit sind unbestimmt.“

„Da können wir von Glück reden, dass es in der Wirklichkeit nicht so ist. Dort bin ich immer nur an einem Ort zur gleichen Zeit.“

„Zumindest nimmst du so die Wirklichkeit war.“

In diesem Augenblick hörte ich ein tiefes Grollen. Es schien auf uns zuzulaufen und sich dann wieder zu entfernen. Ein Gewitter? Ein Erdbeben, oder gar ein Traumbeben?

„Es ist ein Echo eines nahenden Ereignisses“, klärte mich der Gesichtslose auf. „Das Echo wird wiederkommen und jedesmal wird es stärker sein, bis das Ereignis eintritt.“

„Ein Echo kann nicht vorauseilen. Es kommt immer nachher – nach dem Ruf.“

Der Gesichtslose hustete. „Hier nicht. Wie ich schon sagte, Raum und Zeit sind unbestimmt. Da kann ein Echo sehr wohl Botschafter eines kommenden Ereignisses sein.“

„Dann ist es kein Echo mehr“, beharrte ich. „Wie willst du denn überhaupt wissen, dass dieses Geräusch vorauseilt und nicht hinterher?“

„Es gibt Dinge, die weiß man nicht, die spürt man.“

„Wo liegt denn der Unterschied zwischen Glauben und Spüren?“ Ich war in Kampfeslaune. „Viele Gläubige sagen ja auch, sie spürten Gott oder sie würden ihren Engel spüren.“

„Wenn ihr Wirklichen mehr auf euer Gespür achten würdet, würden nicht so viele Fehler passieren. Ihr seid jedoch viel mehr geneigt, dem zu vertrauen, was ihr euren Verstand oder sogar Vernunft nennt. Dabei sind die beiden oft nur Synonyme für Eigennutz.“

„Ach was, leider hören wir viel zu wenig auf die Stimme der Vernunft“, gab ich zurück, „die Welt ist zu vernunftlos und oft verzweifle ich am Verstand der Menschen. Doch zurück zum eigentlichen Thema: von welchem Ereignis kündet denn das vorauseilende Echo?“

Der Gesichtslose hustete, diesmal wesentlich stärker und mir fiel wieder ein, dass sein Husten nichts anderes als ein Lachen war.

„Von einem Sprung, vermute ich, einem Zeitriss.“

„Hier im Traum, wo nach deinen Worten keine Zeit herrschen soll?“

„Nicht hier, das Echo kommt von drüben.“

„Von drüben? Aus der Wirklichkeit? Das ist unmöglich, dort gibt es nur richtige Echos und die hört man, nachdem man gerufen hat und nicht vorher.“

„Es hat schon längst jemand gerufen, nur hat es noch kaum einer gehört.“

Träume sind wie unvollendete Kreuzworträtsel. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Die Kraft der Natur

Träumen oder geträumt werden

Es war Nacht. Nur ein leises Gurgeln verriet den Fluss. Kein Licht weit und breit, außer dem Glitzern der Sterne. Ich konnte den Gesichtslosen in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ich wusste, dass er da war.

Es war das erste mal, dass ich im Traum einen so wunderschönen Sternenhimmel sah und ich hielt Ausschau nach bekannten Sternbildern. Aber keine Konstellation kam mir bekannt vor. Im Gegenteil, am Horizont war ein Sternenband zu sehen, wie es am Himmel auf der Erde nirgends vorkommt.

„Es ist der Arm einer nahen Galaxie“, sagte der unsichtbare Gesichtslose unvermittelt.

„Dann spielt dieser Traum also nicht auf der Erde, sondern auf einem anderen Planeten?“

Der Gesichtslose bekam einen Hustenanfall. Ob er wieder rauchte?

„Träume werden nicht wie Filme gespielt“, sagte er, als er sich erholt hatte. „Aber um auf den Kern deiner Frage zu kommen: „Wir befinden uns weder auf der Erde noch sonstwo im Universum der Wirklichkeit.“

„Ich verstehe. Es ist ja bloß ein Traum. Aber ich frage mich, was dort draußen ist? Wie groß kann dieses geträumte Universum sein? Besitzen einige dieser Sterne vielleicht sogar Planeten, auf denen Lebewesen wohnen, womöglich Menschen wie wir?“

„Träume sind unendlich.“

„Wie ist das möglich? Der Mensch ist ein endliches Wesen, auch sein Unterbewusstsein hat eine begrenzte Kapazität. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein ganzes Universum träume, mit unzähligen Sternen, Planeten und Lebewesen.“

Der Gesichtslose hustete wieder, dann entgegnete er:

„Du bist nicht allein, Traumperlentaucher, du bist Teil des Ganzen, ein winzig kleiner Organismus in einem viel größeren Körper. Du bist sozusagen eine intelligente Zelle, verbunden mit all den anderen Zellen und gesteuert von einer einzigen großen Kraft.“

Die Vorstellung gefiel mir nicht. Ich dachte an die Milliarden Zellen, die meinen Körper ausmachten. Ich eine Zelle in Gottes Körper?

„Vielleicht bist du noch weniger als eine Zelle in Gottes Körper“, fuhr der Gesichtslose ungerührt fort. „Vielleicht bist du bloß ein winziger subatomarer Baustein, wie ein Lepton, ein Quark oder ein Boson.“

Und vielleicht noch kleiner, dachte ich. Wir wissen ja nicht, ob dies wirklich die kleinsten Bausteine sind. Vielleicht gibt es noch viel kleinere, die wiederum aus noch kleineren bestehen und so weiter, ad infinitum. Niemand kann wissen, ob und wo es eine Grenze gibt, weder nach unten noch nach oben. Mich schwindelte, das Gurgeln des Flusses dröhnte in meinen Ohren.

„Ich denke, du machst einen grundlegenden Fehler, wenn du glaubst, dass Universum zu träumen“, meinte der Gesichtslose. Seine Worte wurden vom Gurgeln des Flusses getragen und sie drangen wie Wellen in meine Gedanken. „Nicht du träumst das Universum, das Universum träumt dich.“

Ein seltsamer Traum der mich noch immer beschäftigt. Denn ich frage mich: „Wer träumt in diesem Fall das Universum?“

Euer Traumperlentaucher

Die Anziehungskraft der Angst

„Du hast Angst vor mir?“, fragte mich der Kleine.

„Nein, wieso sollte ich?“ Ich hatte den kleinen Künstler am Ufer des großen Flusses getroffen. Er war nur halb so groß wie ich, trug ein bunt kariertes Hemd und blaue Plüschhosen. Seine nackten Füße steckten in Pantoffeln. Auf der Staffelei am Ufer stand ein angefangenes Bild, Pinsel und Farben lagen verstreut im Gras.

„Die meisten Menschen haben Angst vor mir und sie versuchen mein wahres Wesen zu verdrängen. Auch du, Traumgast!“

Ich sah mich suchend um. Mein Traumbegleiter, der Gesichtslose, war noch nirgends zu sehen. Er hätte mir sicher einen Tipp geben können. Denn wenn ich eines in meinen Träumen gelernt hatte, war es dies: Ein Treffen mit unbekannten Wesen war stets von großer Bedeutung. Eine richtige Antwort konnte versteckte Türen öffnen, ein falsches Wort in die Irre führen.

„Wieso sollte ich vor dir Angst haben? Du bist ein Künstler.“

„Gerade vor Künstlern sollte man sich in Acht nehmen. Besonders vor denen, die sich dafür halten.“

„Du hältst dich nicht für einen?“

„Nein.“

Das verwunderte mich nicht. Im Traum ist nichts wie es scheint, wird gesagt. Obwohl ich manchmal den Verdacht nicht loswerde, dass in der Wirklichkeit nichts so ist, wie es scheint und nur der Traum die Wahrheit zeigt. Aber wir sind eben Wesen, die in der Wirklichkeit verankert sind.

„Was bist du denn in Wirklichkeit?“

„Nicht in der Wirklichkeit, Traumgast, im Traum! Was du vor dir siehst mag ein Künstler sein. Ein kleiner harmloser, fast ein Clown. Doch das ist dein eigenes Bild. Schau genau hin und du wirst erkennen, wer vor dir steht!“

Verlegen blickte ich den Kleinen an. Er sah noch immer aus wie ein Clown. Doch dann fiel mein Blick nochmals auf das angefangene Bild und mein Atem stockte. Ein Totenschädel grinste mich an. Der Fluss hinter der Staffelei erstarrte zu Eis, der Himmel hüllte sich in dunkelgraue Wolken. Mein Atem gefror in der Luft zu einer Wolke Eiskristalle.

„Du bist der Tod“, sagte ich leise. Graue, kalte Angst stieg in mir hoch. Vergebens versuchte ich sie aus meinen Gedanken zu verscheuchen. Sie zog mich an wie ein Magnet das Eisen. Als meine Augen nach dem kleinen Künstler suchten, war er nirgends mehr zu entdecken. Stattdessen stand eine alte Frau vor mir, in einer Art Mönchskutte und mit langen weißen Haaren. War der Tod etwa weiblich?

„Der Tod hat kein Geschlecht“, sagte die Frau. „Eigentlich sollte es DAS Tod heissen.

„Ich hatte dich verdrängt? Darum sah ich den kleinen Künstler?“

„Ja, doch die Angst hat dich angezogen. Angst vor der Art des Todes, Angst vor dem ewigen Schlaf.“

„Ewiger Schlaf? Kein Jenseits, kein Paradies, keine Hölle?“

Die Frau drehte mir unvermittelt den Rücken zu. Auf der Hinterseite ihres Kopfes erschien ein zweites Gesicht. Es war das Antlitz des kleinen Künstlers, schmerzverzerrt, in Tränen aufgelöst.

„Nein, “ schrie er, „Paradies und Hölle sind im Hierseits, drüben ist nichts.“

„Darum die Angst“, sagte jemand neben mir. Der Gesichtslose war unbemerkt an meine Seite getreten. „Es ist die Angst, dass alles vergebens war, alle Mühe, alle Leiden. Die Angst, ohne Gott sterben zu müssen. Manchmal ist sie so stark, dass Menschen Selbstmord begehen.“

„Sterben aus Angst vor dem Tod? Das ist verrückt!“

„Unterschätze nicht die Kraft der Angst.“

„Das tue ich nicht, doch die Kraft des Glaubens ist stärker.“

„Nur oberflächlich, Traumperlentaucher. Im Grunde beruht der Glaube auf Angst.“

Die alte Frau mit dem Janusgesicht, die sich als Tod ausgegeben hatte, war verschwunden. Das Eis und der drohende Himmel ebenfalls. Das Wasser strömte wie immer gemächlich an uns vorüber. Draußen zog ein einsamer Schwimmer vorbei. Ich vermeinte, blaue Plüschhosen zu erkennen.

“Denke das Undenkbare und deine Träume werden dich entführen”, gab er mir noch zum Abschied mit. Euer Traumperlentaucher