
Unser Wohlstand beruht auf Wachstum. Das bedeutet immer mehr. Mehr von allem. Mehr Häuser, mehr Fabriken, mehr Läden, mehr Profit, mehr Menschen. Doch das Land Schweiz kann nicht mehr werden. Es ist ein kleines Land, bald eine einzige zusammenhängende Stadt-Fabrik, unfähig sich selbst zu ernähren, abhängig von seinen Nachbarn.
Doch jetzt hat die Schweiz ein Problem. Der Franken ist stark. Zu stark um weiter zu wachsen. Zu stark um immer mehr zu werden. Mehr zu exportieren, mehr Fabriken zu bauen, mehr Touristen in Hotels zu stopfen, mehr Profit für die Habenden zu erzielen.
Der Franken muss schwächer werden, rufen die Habenden. Den Habenichtsen läuft das zuwider. Sie wollen billige Waren und billige Ferien im Ausland. Eine Insel irgendwo, um den Stress in den Hamsterrädern der Großraumbüros zu vergessen. Das ist zwar bloß ein Traum, aber ein schöner.
Trotz des starken Frankens läuft die Stadt-Fabrik Schweiz noch gut. Denn die Schweizer sind fleißig. Das weiß man auch im Ausland. Darum strömen die Menschen zu uns. Reiche um sich an einem der letzten schönen Flecken, abseits der Wohnsilos, eine schöne Villa zu ergattern. Pauschal besteuert. Arme um der Misere ihrer Länder zu entfliehen. Beide sind Flüchtlinge. Erstere Steuerflüchtlinge, letztere sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Mit diesen Wirtschaftsflüchtlingen weiß man nicht wohin. Denn Platz ist rar und teuer in der Stadt-Fabrik Schweiz. Und haben möchte sie keiner, mit Ausnahme derer, die von ihnen leben – den Flüchtlingsbetreuer-Unternehmen – und ein paar guten Menschen, die das Elend der Welt bedrückt.
Eigentlich müsste die Regierung dieses Problem lösen können. Aber die Schweiz wird verwaltet und nicht regiert. Gelähmt durch Konkordanz und Konsens, zieht sich die Verwaltung in unendliche Länge, immer mit der Hoffnung, dass die Probleme mit der Zeit von selbst verschwinden. Das geht, solange es gut geht. Aber es wird nicht immer gut gehen. Weitere Probleme stehen bereits an unserer Grenze, andere machen sich in unseren Köpfen breit.
Da ist einmal Europa, von dem wir ein Teil sind, auch wenn wir nicht wollen. Wir stecken mitten drin und sind mit unseren Nachbarn verwoben und verstrickt. Wir sind von ihnen abhängig. Dass sie auch von uns abhängig sind, ist eine hübsche Legende. Diese unsere Nachbarn stecken in großen Schwierigkeiten. Sie haben sich „verwirtschaftet“ und ein Kartenhaus namens Euro gebaut, das droht auseinander zu brechen. An der Basis fehlen wichtige Karten. Aber auch wir haben Kartenhäuser gebaut. Auch sie werden zusammenbrechen, wenn die der Nachbarn einstürzen. Wir spüren das, und eigentlich sollten wir es auch wissen, aber wir verdrängen es. Der Franken muss schwach sein, wir wollen mehr exportieren, mehr Profit, mehr Fabriken, Häuser, Menschen, mehr von allem.
Aber wir sind nicht nur mit Europa verbunden, sondern auch mit der ganzen Welt. Damit wir – die Habenden unter uns – immer mehr Profit einstreichen können, müssen wir in alle Welt exportieren. Möglichst mehr, als wir importieren. Waffen, Maschinen, Schokolade, Uhren, Pillen und anderer mehr oder weniger notwendiger Käse. Da aber jedes Land am liebsten mehr exportieren als importieren möchte, reicht das nicht. Darum lagern wir aus. Wir bauen Fabriken in Ländern wo die Arbeit billig ist. So können die Habenden noch mehr Profit einstreichen. Den Habenichtsen in unserem Land hilft das allerdings nichts. Aber das ist auch nicht Sinn und Zweck der Übung. Das Ganze heißt übrigens Globalisierung.
Damit die Menschen nicht zuviel Angst vor der Globalisierung haben, wurde eine andere Angst geschaffen. Denn die Menschen müssen Angst haben, damit sie spuren. So wurde das Klimagespenst geschaffen. Zeh-Oh-Zwei ist ein idealer Feind. Unsichtbar, lautlos, überall. Und so fürchten sich die Menschen vor dem schlimmen Zeh-Oh-Zwei, das die Erde immer gefährlicher macht und vergessen, dass es viel gefährlichere Dinge auf diesem Planeten gibt. Atomkraftwerke und Bomben zum Beispiel. Ja, wir nehmen dabei sogar in Kauf unser ganzes Land durch Strahlung unbewohnbar zu machen, weil ja „das Atom“ gut ist für das Zeh-Oh-Zwei. Ein AKW ist sauber und belastet die Umwelt nicht, wird gesagt. Keine Klimakatastrophen, keine Unwetter, keine Dürren, eine wunderbare Regenbogentechnologie. Das hat bis Fukushima gut funktioniert. Jetzt hofft man auf das kollektive Vergessen und Verdrängen wie nach Tschernobyl.
Aber uns geht es ja gut, obschon es inzwischen etwas eng geworden ist, in unserem kleinen Land. Dazu haben auch unsere Banken viel beigetragen. Ursprünglich war das ja ein todlangweiliges Geschäft. Man nimmt Geld zu tiefen Zinsen entgegen und verleiht es zu höheren Zinsen. Inzwischen ist daraus ein spannendes Business geworden. Nicht wegen dem Geld von Diktatoren, Mafiosi und Steuerflüchtlingen die nicht in die Schweiz zügeln wollten. Das war nur eine Zwischenstufe. Nein, wegen der fabelhaften Idee, nicht nur Geld entgegen zunehmen und zu verleihen, sondern selber Produkte herzustellen wie es eine Fabrik tut. Finanzprodukte heißen die Dinger und bestehen im wesentlichen aus Einser und Nullen irgendwo auf einer Festplatte in den Tiefen der „Finanzindustrie“. Das war die nächste Stufe. Damit konnte man so richtig reich werden, mit fetten Jachten, goldenen Krawattennadeln und hübschen Villen jenseits der Wohnsilos. Aber um nicht nur reich zu werden, sondern zu den Meistern des Universums aufzusteigen, brauchte es noch die letzte Stufe. Wieso sollte man sich noch mit den Habenichtsen und ihren Häusern und Fabriken herum plagen, wenn man ein eigens Universum schaffen konnte? So begannen die Banken selbst Geld herzustellen, indem man unter sich die Produkte handelte, immer neu verpackte, bündelte und versicherte. Losgelöst von der realen Welt, in einem eigenen Universum, wo nur die eigene Fantasie die Grenze war.
Dumm nur, dass im Universum alles mit allem verbunden und verflochten ist. Dumm nur, dass jetzt die Länder wahnwitzige Schulden bei ein paar wahnwitzig reichen Leuten haben. Und da letztere nicht auf ihre Einsen und Nullen auf einer Festplatte verzichten wollen, sollen die Habenichtse blechen. Eigentlich könnte man ja alle Festplatten löschen und das Schuldenproblem wäre gelöst. Doch dann würde die Welt zusammenbrechen, würden die Fabriken aufhören zu produzieren und die Stromwerke keinen Strom mehr liefern, die Bauern ihre Felder nicht mehr bestellen, behaupten die Banken. Das macht den Politikern Angst. Denn dann würden sie von den enttäuschten Menschen zu Hause „besucht“. Ein Dilemma. Gott sei Dank gibt es da noch das Zeh-Oh-Zwei und den Fußball. Denn wenn die Menschen wüssten, was wirklich los ist, wäre der Teufel los. Und Gott sei Dank gibt es das Fernsehen. In der Geschichte gab es, außer den Religionen, bisher kein besseres Instrument die Menschen zu manipulieren.
Leider bin ich etwas vom Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich erzählen, wie es mit der Schweiz weitergehen könnte, 2012 und danach. Doch davon das nächste Mal.
Träumt ruhig weiter. Euer Traumperlentaucher