Niemand kann besser Geschichten erzählen als die Stille. Niemand kann eindrücklicher von Liebe, Hoffnung und Träumen berichten als sie. Höre auf die Stille, lausche ihrem Flüstern, sie wird dich nicht enttäuschen. Doch habe Geduld. Wenn du aus dem Lärm kommst, wirst du sie zuerst als unangenehm empfinden, ja gar als aufdringlich, und du wirst sie nicht hören können. Dann ist die Versuchung gross, in Stimmenwirrwarr oder Musikgeplätscher zu flüchten, zurück in die lärmende Hast unserer Zivilisation. Nicht jeder erträgt die Stille, nicht jeder ist bereit sie zu verstehen. Denn sie ist rar geworden in unserer Zeit, die Stille.
Wenn du sie gefunden hast, abseits der Hast und dem Trubel, öffne dein Herz und lausche, was sie zu erzählen hat. Sie weiss alles über dich und sie weiss mehr über die Erdengeschichte als irgendein anderes Wesen. Sie war da, als das erste Geräusch des Lebens erklang und sie war noch da, als die Schlachten geschlagen und die Toten begraben waren. Sie wird auch noch da sein, wenn der letzte Ruf des Lebens verklungen sein wird.
Doch um der Stille zuzuhören, genügt es nicht nur äusserlich still zu sein und dem Rauschen in seinen Ohren zu lauschen. Du musst auch den Lärm deiner Gedanken verbannen. Dieses wilde Durcheinander, das unser Leben immerzu begleitet, aufgepeitscht durch unübersehbare Informationsfluten, verstärkt durch unsere Zwänge und Ängste.
Bis die Gedanken still werden, braucht es seine Zeit. Vermutlich musst du die Stille öfters besuchen und länger bei ihr verweilen, als es dir dein Terminkalender vorschreibt. Vielleicht musst du sogar ganz auf ihn verzichten.
Doch eines Tages, wenn deine Gedanken frei und ruhig geworden sind, wenn du nichts mehr wahrnimmst als deinen eigenen Herzschlag, wirst du ihre Stimme hören. Vielleicht wird sie dir darüber berichten, wer du wirklich bist und was du wirklich suchst. Sie wird dir sowohl aus der Vergangenheit erzählen, wie aus der Zukunft, und sie wird dir davon berichten, wie es in anderen Welten sein könnte, die du noch nicht kennst und vielleicht nie kennenlernen wirst. Sie wird dir sagen, was es mit deinen Albträumen auf sich hat, woher deine Ängste kommen und auf welchem Fundament deine Hoffnung beruht.
Doch das ist noch längst nicht alles. Je mehr du dich mit der Stille beschäftigst, je mehr du sie lieben lernst, desto mehr wirst du verstehen. Du wirst das Böse und das Gute begreifen und seinen ewigen Kampf und du wirst den Schmerz und das Glück der ganzen Welt fühlen, als wären plötzlich alle Menschen in dir, die je auf diesem Planeten gelebt haben. Tausende von Stimmen wirst du raunen hören und tausend tonlose Schreie wirst du in deinem Herzen spüren. Du wirst Bettler und König sein zugleich und du wirst Jäger und Gejagter sein, Folterknecht und Leidender. Unzählige Gefühle werden dich durchströmen, unzählige Emotionen dich erschüttern. Du wirst die Vergänglichkeit ebenso spüren, wie die Ewigkeit.
Du wirst all das erfahren, was es ausmacht, ein Geschöpf dieser Welt zu sein. Gemacht aus Sternenstaub und bestimmt dazu, wieder zu Sternenstaub zu werden um immer wieder teilzuhaben, wenn neue Himmelskörper erschaffen werden und vielleicht auch in neuem Leben aufzugehen, immer wieder von neuem, bis ans Ende der Zeit.
Du wirst bei der Stille all das erfahren, was du im Leben bisher verpasst hast, indem du über deinen kurzen Lebenspfad gestolpert bist, ohne dir Zeit zu nehmen, weder links oder rechts zu schauen oder gar innezuhalten.
Die Stille weiss alles, denn sie war da, bevor dieses Universum geboren wurde und sie wird noch da sein, wenn es längst vergangen sein wird. Es lohnt sich, ihr zuzuhören. Dein Traumperlentaucher.
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